Fastentuch 2026

    Das Fastentuch in der Liebfrauenkirche in Ravensburg wurde von Edith Blick, Elisa Ellwood, Paul Linder, Vincent Steck, Jonathan Strobel, Julian Tausch und Carla Wiech mit Uli Schubert im Kunstprofil des Welfen-Gymnasiums gestaltet. Es besteht aus schwarzer PE-Folie, Füllmaterial und Rettungsfolie.

    Theologische Inspirationen zum Fastentuch 2026: TROTZDEM – Von der Kraft des Hoffenkönnens

    Die schwarze Struktur strahlt etwas Unfreundliches, ja sogar Bedrohliches aus. TROTZDEM erscheint das Schwarz nicht als eine undurchlässige Front. TROTZDEM gibt es Öffnungen, durch die das Licht durchscheinen kann, die je nach Perspektive einen kleinen Blick auf den verwundeten Korpus dahinter zulassen. Schaut man rechts von der Altarinsel aus durch das Schwarz hindurch, wird ein oft übersehenes Detail des Korpus sichtbar, nämlich der Bauchnabel, der für die Geburtlichkeit jeglichen Lebens von Säugetieren steht, dass alles Leben geschenkt ist und zugleich verletzlich, abgenabelt und zugleich abhängig. Das Schwarz ist also nicht total. TROTZDEM ist also Überleben möglich, auch in dunklen Zeiten. Um zu überleben braucht es das tägliche Brot, manchmal erweist es sich im Alltag als Schwarzbrot. Auf dem Altar wird in der Eucharistie Jesus selbst im Brot gegenwärtig, überlebensnotwendig. Die schwarzen Strukturen erinnern auch an eine Brille. Hängt es nicht auch an meiner Brille, ob ich nur schwarz sehe oder noch was anderes in den Blick bekomme?

    Doch nun kommt das Gold ins Spiel, das mit dem Gold im Mosaik des Tympanon darüber korrespondiert. Das an den Rändern der Öffnungen angebrachte Gold ist viel weniger als das schwarze Material. Und doch verändert das wenige Gold alles. Dabei ist nicht einfach alles Gold, was glänzt. Auch das Schwarz hat einen eigenen Glanz. Oder kommt dieser Glanz erst durch das Gold zum Tragen? Erinnern die Öffnungen nicht an Tränen, die das Schwere ins Fließen bringen und lösen können? Oder sind es Wunden wie Schürfwunden, die symbolisiert im Material der Rettungsdecke, wieder zu heilen beginnen? Wie auch immer bekommt die Installation dadurch eine eigene Dynamik. Denn das Schwarz tritt nun in einen Dialog mit dem Gold. Gold steht in der traditionellen Symbolsprache für das ewige Licht und damit für das Göttliche. Aber die Realität wird nicht vom Göttlichen übermalt. Das Unfreundliche und Bedrohliche wird nicht einfach vernichtet. Aber es ist nun verbunden mit dem Göttlichen. TROTZ Zerbrechlichkeit ist Ewigkeit zu erahnen. TROTZ des Schweren ist Hoffnung zu spüren. TROTZ allem Bedrohlichen ist nicht nur Überleben, sondern Leben möglich, sogar Leben in Fülle. So können wir TROTZDEM genießen und feiern. Auf dem Altar darunter wird bei der Eucharistie Jesus Christ auch in der Gestalt des Weins gegenwärtig, dem Zeichen der Lebensfreude.
    Das Fastentuch spiegelt somit auch ein berühmtes Bekenntnis des Paulus in seinem Römerbrief (Röm 5,3b-5a) wider:
    „Bedrängnis bewirkt Geduld, Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen.“

    Dr. Michael Schindler