Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

Pfarrb√ľro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
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88213 Ravensburg

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1. Advent

Lesung: Jes 2, 1-51

Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, in einer Vision √ľber Juda und Jerusalem geh√∂rt hat.
Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegr√ľndet als h√∂chster der Berge; er √ľberragt alle H√ľgel. Zu ihm str√∂men alle V√∂lker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der V√∂lker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und √ľbt nicht mehr f√ľr den Krieg. Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn.

 

Evangelium: Mt 23, 1-11

Darauf sprach Jesus zum Volk und zu seinen J√ľngern und sagte: Auf dem Stuhl des Mose sitzen die Schriftgelehrten und die Pharis√§er.  Tut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht.  Sie schn√ľren schwere und unertr√§gliche Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, selber aber wollen sie keinen Finger r√ľhren, um die Lasten zu bewegen.  Alles, was sie tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gew√§ndern lang, sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastm√§hlern und die Ehrensitze in den Synagogen und wenn man sie auf den Marktpl√§tzen gr√ľ√üt und die Leute sie Rabbi nennen.  Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Br√ľder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus. Der Gr√∂√üte von euch soll euer Diener sein.  Denn wer sich selbst erh√∂ht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erh√∂ht werden.

 

Predigt:

Lichtblicke im Ewigen ‚Äď

 

Haben Sie den Lichtblick geh√∂rt? ‚Äď

‚ÄěTut und befolgt also alles, was sie euch sagen, aber richtet euch nicht nach ihren Taten; denn sie reden nur, tun es aber nicht!‚Äú

 

Liebe Mitchristen,

=> da stehe ich jetzt ganz sch√∂n in einem Zwiespalt, denn ich geh√∂re ja auch zu diesem ‚ÄěBodenpersonal‚Äú Gottes, das offensichtlich schon vor 2000 Jahren, also zur Zeit Jesu, so ein Glaubw√ľrdigkeitsproblem gehabt hat.

=> Damals waren es die Schriftgelehrten und Pharisäer, heute sind es die Priester, Bischöfe, Kardinäle und der Papst!

 

… befolgt alles, was sie euch sagen, richtet euch aber nicht nach ihren Taten …

 

=> Das ist eine gewaltige Provokation f√ľr uns heutige Christen, die sich mit diesen ungeheuerlichen Skandalen besch√§ftigen m√ľssen, die zurzeit unsere Kirche ersch√ľttern.

=> Jeden Tag werden wir mit neuen Nachrichten aus dem Vatikan konfrontiert, die mich fassungslos machen. Zuerst vor ca. 10 Jahren ein Finanzskandal, zwischendurch der Missbrauchsskandal und jetzt wieder ein Finanzskandal!!

=> Die Kirche kommt nicht aus den negativen Schlagzeilen heraus.

 

=> Heute beginnt der sog. ‚ÄěSynodale Weg‚Äú. Da reden das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und die deutschen Bisch√∂fe miteinander.

Es geht um fundamentale Reformen in der Kirche.

=> Vier Bereiche sollen besprochen werden in den nächsten zwei Jahren:

¬∑        Macht und Gewaltenteilung in der Kirche,

¬∑        Sexualmoral der Kirche,

¬∑        Priesterliche Lebensform, Z√∂libat,

¬∑        Frauen in Diensten und √Ąmtern in der Kirche.

=> Mit dieser Veranstaltung soll das Image der katholischen Kirche etwas verbessert werden …

Ob das durch solche medienwirksame Inszenierungen gelingen wird?

 

… befolgt alles, was sie euch sagen, richtet euch aber nicht nach ihren Taten …

 

Das ist der Rat des Evangeliums, der Rat Jesu!

Und wir werden erleben, ob dieser Synodale Weg ein Lichtblick sein wird.

 

=> In den letzten Jahren erscheinen in Deutschland immer wieder B√ľcher, die sich mit Skandalen in der Kirche besch√§ftigen:

=> ‚ÄěDie Nonnen von Sant‚Äė Ambrogio‚Äú, ‚ÄěDer Heilige Schein‚Äú, ‚ÄěVon der Kirche missbraucht‚Äú, ‚ÄěVon Hirten und Schafen in der katholischen Kirche‚Äú, ‚ÄěKrypta‚Äú, ‚ÄěZ√∂libat ‚Äď 16 Thesen‚Äú, ‚ÄěVerdammtes Licht, der Katholizismus und die Aufkl√§rung‚Äú ‚Ķ usw.

=> Ein bunter Reigen von Autorinnen und Autoren, die sich mit Erfahrungen oder auch wissenschaftlichen Forschungen dem System ‚ÄěR√∂misch Katholische Kirche‚Äú stellen.

=> Einer dieser Wissenschaftler, der zurzeit h√∂chste Aufmerksamkeit bekommt ist Prof. Dr. Hubert Wolf, Professor f√ľr Kirchengeschichte an der Universit√§t M√ľnster. Er ist Priester unserer Di√∂zese und wir haben miteinander in T√ľbingen studiert.

Er ist f√ľr mich ein Lichtblick in unserer Kirche!

 

=> Mit seinen Forschungen in den Archiven des Vatikans ist ihm vor Jahren schon eine ungeheuerliche Entdeckung gelungen, weil eine Prozessakte aus dem 19. Jahrhundert falsch einsortiert war.

Er hat sie ausgewertet und damit das Buch ‚Äědie Nonnen von Sant‚Äė Ambrogio‚Äú geschrieben.

Darin schildert er einen Skandal um den sexuellen Missbrauch von Nonnen in diesem Kloster Sant‚Äė Ambrogio in Rom im 19. Jahrhundert, der vor dem Licht der √Ėffentlichkeit vertuscht worden ist.

=> Dieses Buch ist ein Bestseller geworden in den letzten Jahren seit seinem Erscheinen. Es ist im Kern das Protokoll eines Prozesses, der sich mit dem sexuellen Missbrauch von Nonnen durch Priester in diesem Kloster befasst, letztlich aber werden die beschuldigten Priester ‚Äěnur‚Äú strafversetzt und es wird der Mantel des Schweigens dar√ľber gelegt.

=> Einer der Beschuldigten war ein anerkannter Theologe, der ma√ügeblich f√ľr das Zustandekommen des Unfehlbarkeitsdogmas beim Konzil verantwortlich war. Er war ein direkter Berater des Papstes.

 

=> Mit den B√ľchern ‚ÄěVerdammtes Licht‚Äú und ‚ÄěZ√∂libat ‚Äď 16 Thesen‚Äú r√§umt Hubert Wolf mit Behauptungen des katholischen Lehramtes auf, die sich im Licht der historischen Wissenschaft nicht mehr halten lassen. Beide B√ľcher sind in diesem Jahr erschienen und sie sind f√ľr mich ein Lichtblick.

Hubert Wolf schildert in diesen B√ľchern, wie sich das Lehramt der Kirche als ‚Äěalleinwissend‚Äú in dieser Zeit hingestellt hat.

=> Im 16. Jahrhundert hat sich das Lehramt mit der wissenschaftlichen Erkenntnis des Galileo Galilei angelegt und ihn zum Abschwören gezwungen.

=> Die herrschende Meinung des kirchlichen Lehramtes war, dass die Erkenntnisse der Heiligen Schrift nicht durch Beobachtungen widerlegt werden k√∂nnen, weil die Heilige Schrift als ihren Urheber Gott hat und der kann sich bekanntlich nicht irren, weil er ja der Sch√∂pfer der Welt ist. Das war die Beweisf√ľhrung.

=> Autoren von B√ľchern, die dieser Lehre widersprechen werden, werden gema√üregelt und die B√ľcher kommen auf den Index, auf die Liste der verbotenen B√ľcher. Die Inquisition hat damals gefordert, dass diese B√ľcher umgehen verbrannt werden m√ľssen.

=> Die schlimmsten Irrlehren dieser Zeit, die durch die Inquisition bekämpft werden, sind der Ruf nach Reformen und nach Freiheit.

=> Das Lehramt der r√∂mischen Kirche dieser Zeit nimmt f√ľr sich in Anspruch, einzig und alleine die Wirklichkeit beschreiben zu k√∂nnen. Die Quelle f√ľr die Erkenntnisse des Lehramtes ist allein die Bibel.

 

… befolgt alles, was sie euch sagen, richtet euch aber nicht nach ihren Taten …

 

=> Naturwissenschaften gegen das Lehramt der Kirche! Diese Auseinandersetzung hat das Lehramt inzwischen verloren, weil die Zeit weitergegangen ist.

=> Aufgrund der M√∂glichkeiten des Buchdrucks sind viele Schriften und B√ľcher erschienen, die die Zensur der Inquisition nicht mehr beherrschen kann.

=> Heute interessiert sich ein Wissenschaftler wie Hubert Wolf nicht mehr f√ľr das kirchliche ‚ÄěImprimatur‚Äú ‚Äď ‚ÄěEs kann gedruckt werden‚Äú.

=> Das Buch wird auch ohne kirchliche Genehmigung gedruckt. Es ist den Menschen heute egal, ob so ein Buch auf dem ‚ÄěIndex‚Äú steht, also ob es f√ľr Katholiken verboten ist, so ein Buch zu lesen.

 

=> 1992 hat Johannes Paul II Galileo Galilei rehabilitiert und das Urteil gegen ihn aufgehoben.

Auch das war ein Lichtblick im Fluss der Zeit.

=> Das Zeitalter der Aufkl√§rung im 18. und 19. Jahrhundert hat schlie√ülich endg√ľltig dem kirchlichen Lehramt den Boden entzogen insofern es um naturwissenschaftliche Erkenntnisse und den Gebrauch der Vernunft gegangen ist.

=> Dieses Lehramt hat aber noch im 20. Jahrhundert gemeint, es k√∂nne den Katholiken immer noch Vorschriften machen, die das Leben der Menschen unmittelbar ber√ľhrt.

=> Das betrifft vor allem die Sexualmoral, die die Kirche lehrt. Und auch da ist die Entwicklung weiter gegangen.

=> Welcher junge Mensch orientiert sich denn tatsächlich noch an den Lehrsätzen der Kirche, wenn es um das Sexualleben geht?

=> Obwohl wir als Kirche tats√§chlich wichtige Impulse geben k√∂nnten ‚Äď wie ich meine - f√ľr diesen wichtigen Bereich der menschlichen Entwicklung, interessiert das junge Menschen √ľberhaupt nicht mehr.

=> Kirche taucht als hilfreiche Instanz f√ľr gl√ľckendes Leben nicht mehr als Ratgeberin auf.

Ganz im Gegenteil: Kirche gilt als veraltet, ewig gestrig, langweilig und uninteressant.

 

=> Da ist in den letzten 30 ‚Äď 40 Jahren viel vers√§umt worden.

Das Lehramt der r√∂mischen Kirche hat sich nicht als ernstzunehmender Gespr√§chspartner gegen√ľber den Erkenntnissen der Naturwissenschaften in Stellung gebracht, die moderne Menschen beherrschen.

=> Glaube an Gott und Naturwissenschaften gelten fast als unvers√∂hnliche Gegen√ľber, wobei der Glaube an einen personalen Gott immer mehr verdunstet und die Erkenntnisse der Naturwissenschaften unkritisch geglaubt werden.

Hier ist der Lichtblick, dass Menschen ihren Weg suchen und gehen.

=> Das Lehramt der r√∂mischen Kirche hat vorausdenkenden Menschen wie den Professoren Hans K√ľng und Eugen Drewermann die Lehrerlaubnis entzogen, weil diese nach Ansicht der Verantwortlichen der Glaubenskongregation nicht mehr den katholischen Glauben gelehrt haben.

=> Anstatt sich die Erkenntnisse dieser gro√üen Theologen zunutze zu machen, haben sie sie vor die T√ľre gesetzt.

=> Und trotzdem haben sich zahllose Menschen auf der ganzen Welt an den B√ľchern dieser beiden Theologen orientiert und sich deren Sichtweise zu eigen gemacht, weil sie dem Leben und Denken der modernen Menschen viel n√§her stehen, als die Positionen des Lehramtes. Beide haben sich immer am Evangelium Jesu orientiert.

Diese beiden M√§nner sind f√ľr mich exemplarische Lichtblicke f√ľr gelingendes Leben aus dem Glauben, aber in einer modernen Welt.

 

=> Die römischkatholische Kirche in Deutschland steht tatsächlich an einem entscheidenden Wendepunkt.

=> Es braucht dringend die R√ľckbesinnung auf die Wurzeln ‚Äď auf Jesus von Nazareth und seine frohe Botschaft.

=> Diese Botschaft gilt es heute so zu verk√ľnden, dass die Menschen Atem sch√∂pfen k√∂nnen in einer Atmosph√§re der Befreiung von vielen Zw√§ngen.

=> Es kann in der Zukunft nicht mehr sein, dass so viel Energie verschwendet wird im Kampf um die Rolle der Frau in der Kirche. Unsere Gesellschaft vertr√§gt es nicht mehr, dass Frauen ‚Äď nur wegen ihres Geschlechtes ‚Äď von allen √Ąmtern ausgeschlossen werden. Das w√§re niemals im Sinne Jesu gewesen.

=> Die erste Zeugin der Auferstehung ist die Apostolin der Apostel: Maria Magdalena!

=> Im Blick auf die Sexualmoral ist es h√∂chst geboten wirklich hilfreich zu sein f√ľr junge Menschen, die in ihrer Entwicklung dringend Orientierung brauchen, aber mit sturen Verboten nichts anfangen k√∂nnen.

=> Die Machtfrage im System Kirche muss zusammenstimmen mit unserem gesellschaftlichen System, das auf Gewaltenteilung aufgebaut ist.

=> Und es muss dringen geändert werden, dass die Funktion des Leiters einer Gemeinde einzig und allein an unverheiratete Männer gebunden wird.

 

=> Wenn der Synodale Weg mit dem Ergebnis endet, dass es gut war, dass man miteinander geredet hat, dann wird das verheerende Folgen haben f√ľr das System Kirche.

=> Vielleicht wird der ‚ÄěSynodale Weg‚Äú aber auch zu einem Lichtblick, weil mutig konkrete Reformen angegangen werden.

Allerdings bin ich da im Moment noch sehr skeptisch.

 

=> Aber vielleicht findet der Heilige Geist ja noch einen Weg. Wir werden sehen.

… befolgt alles, was sie euch sagen, richtet euch aber nicht nach ihren Taten …

 

Der wirkliche Lichtblick im Strom der Zeit ist letztlich aber Jesus von Nazareth selbst. Er und seine Botschaft haben das Potential auch in der Zukunft diese Welt zu gestalten.

=> Es gilt, nicht dieses traurige Bild anzuschauen, das die Kirche in der √Ėffentlichkeit abgibt.

Nein!

=> Wir d√ľrfen uns die Freude am Evangelium nicht nehmen lassen, die hier vor Ort lebt.

=> Hier machen Menschen die Erfahrung, dass sie auch in schwierigen Zeiten getragen werden. In der konkreten Gemeinschaft finden Menschen Trost, Halt und Rat.

=> Hier sind alle willkommen, ohne dass sie gleich etwas liefern m√ľssen.

=> Hier, in den konkreten Gemeinden der Seelsorgeeinheit, d√ľrfen Menschen aufatmen und sein wie sie sind. Das macht froh.

Das ist der Lichtblick, der sich im Ewigen verliert.

Amen

¬© R. H√ľbschle 2019

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.