Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

Pfarrb√ľro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
Schwalbenweg 5
88213 Ravensburg

Tel. 0751-7912430
Fax 0751-7912440
E-Mail: Info-Dreifaltigkeit.RV@drs.de

 

 

4. Advent

Lesung: Mi 5, 1-4a

Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der √ľber Israel herrschen soll. Sein Ursprung liegt in ferner Vorzeit, in l√§ngst vergangenen Tagen.
Darum gibt der Herr sie preis, bis die Geb√§rende einen Sohn geboren hat. Dann wird der Rest seiner Br√ľder heimkehren zu den S√∂hnen Israels.
Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde.
Und er wird der Friede sein.

Evangelium: Lk 1, 39-45

Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Jud√§a.Sie ging in das Haus des Zacharias und begr√ľ√üte Elisabet.Als Elisabet den Gru√ü Marias h√∂rte, h√ľpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erf√ľllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?In dem Augenblick, als ich deinen Gru√ü h√∂rte, h√ľpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erf√ľllt, was der Herr ihr sagen lie√ü.

 

Predigt

Liebe Mitchristen*innen,

wir leben in unruhigen Zeiten. Das Heidelberger Institut f√ľr Internationale Konfliktforschung z√§hlt momentan 21 Kriege weltweit. 424 politische Konflikte werden gegenw√§rtig ausgetragen, davon 46 hochgewaltsame ‚Äď das ist die h√∂chste Zahl seit 25 Jahren. Und mit dem Konflikt zwischen der Ukraine und Russland gab es 2014 sogar in Europa wieder kriegs√§hnliche Auseinandersetzungen. Bei allen Krisen sticht eine ganz besonders heraus: die gro√üe Syrien-Krise. Ein Machthaber, der um jeden Preis an der Macht bleiben will. Und religi√∂se Fanatiker, f√ľr deren menschenverachtende Skrupellosigkeit es keine Worte gibt. Sie ruinieren ein Land und treiben Millionen in die Flucht.

Unruhige Zeiten, in denen wir leben. Und doch ‚Äď das zeigt gerade auch ein Blick auf die deutsche Geschichte - ist Frieden alles andere als eine Selbstverst√§ndlichkeit. Ja, es scheint, als w√ľrden Gewalt und Krieg Menschen auf ihrem Weg durch die Zeiten immer begleiten. Vom Ausma√ü mal mehr, mal weniger. Aber weltweit gesehen - und das ist erschreckend ‚Äď immer irgendwo und auf irgendeine Weise.

Und so verwundert es nicht, dass schon im AT viele Propheten Vision√§re des Friedens sind. Dass ihre Rede von Gott immer verbunden ist mit der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit. Den Propheten Micha haben wir gerade geh√∂rt. Jesaja ist bekannt f√ľr sein Bild von den Schwertern, die zu Pflugscharen umgeschmiedet werden. Sie sind Ausdruck der gro√üen prophetischen Sehnsucht nach Frieden. Ja, dass Frieden als Kennzeichen f√ľr die N√§he Gottes gilt. Ja, dass Gott selbst der Friede sein wird.

Christen*innen glauben, dass Gott uns in Jesus sein Gesicht gezeigt. Und sich dieses Gesicht eben f√ľr Frieden und Gerechtigkeit sogar schlagen l√§sst, ohne zur√ľckzuschlagen. ‚ÄěSelig die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden!‚Äú sagt Jesus. Oder ‚ÄěWenn dich einer auf die Wange schl√§gt, dann halt ihm auch die andere hin!‚Äú.  Oder ‚ÄěLiebt eure Feinde und betet f√ľr sie‚Äú. Und auch  in der Weihnachtsgeschichte, die wir bald h√∂ren werden, singen Engel: ‚ÄěVerherrlicht ist Gott in der H√∂he, und auf Erde ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.‚Äú Die Ankunft Jesu in unserer Welt ‚Äď sie geht einher mit der Ankunft des Friedens unter den Menschen.

‚ÄěMensch Gott‚Äú hei√üt unsere Predigtreihe im Advent. Wir machen uns auf die Suche nach Menschen, in deren Leben Gottes Wirken besonders aufscheint. Nach Mahatma Ghandi, Rigoberta Mench√ļ und Mala Yousafzai  soll es heute um Fr√®re Roger gehen. Und zwar deshalb, weil f√ľr ihn Vers√∂hnung und Frieden zur Berufung und Lebensaufgabe geworden sind: Vers√∂hnung zwischen Christen unterschiedlicher Konfessionen, deren Spaltung er f√ľr einen Skandal h√§lt. Vers√∂h-nung zwischen Menschen ‚Äď ganz gleich woher sie kommen.

Fr√®re Roger, Begr√ľnder der √∂kumenischen Bruderschaft von Taiz√©, hei√üt mit b√ľrgerlichem

Namen Roger Louis Schutz-Marsauche. Das Kind eines Schweizers und einer Franz√∂sin w√§chst im Z√ľrcher Unterland auf. Auch wenn sein Vater reformierter Pfarrer war, hat sich Fr√®re Roger als Jugendlicher wenig f√ľr den Glauben interessiert. Eine schwere Lungentuberkolose und die t√∂dliche Krankheit seiner Schwester Lily haben ihn jedoch ver√§ndert. Fortan versuchte er es wieder mit dem Beten. Und er fand seinen pers√∂nlichen Weg zu Gott.

1937 bis 1943 studierte Fr√®re Roger Theologie an der freikirchlichen Fakult√§t Lausanne und in Stra√üburg und besch√§ftigte sich in seiner Abschussarbeit mit dem benediktinischen M√∂nchsideal. Doch neben der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Glauben wurde in ihm das Bed√ľrfnis immer gr√∂√üer, sein Christsein mit anderen zu teilen und in einer Gemeinschaft zu leben. Eine Sehnsucht, die seinem Leben und Wirken f√ľr immer eine Richtung geben sollte.

Auf der Suche nach einem Haus, das ein gemeinschaftliches Leben mit anderen Menschen erm√∂glichen w√ľrde, landete Fr√®re Roger 1940 schlie√ülich in Taiz√© ‚Äď damals ein 50-Seelen-Dorf. In den Schrecken und Wirren des 2. Weltkriegs versteckte er dort Juden und Fl√ľchtlinge vor dem NS-Regime. Gegen Ende des Krieges k√ľmmerte er sich mit ein paar Freunden und seiner Schwester Genevi√®ve um Kriegswaisen und auch um deutsche Kriegsgefangene. Und f√ľr Fr√®re Roger wurde in diesen Jahren immer klarer: ‚Äě Hass erzeugt nichts als Hass‚Äú. Umso mehr f√ľhlte er sich best√§rkt, seinen eingeschlagenen Weg weiterzuverfolgen. 1949 schlie√ülich gaben die ersten 7 Br√ľder aus dem Helferkreis Rogers ihr Versprechen ab, fortan gemeinsam arm, ehelos und nach dem Evangelium zu leben. Die Communaut√© von Taiz√© war entstanden. Heute z√§hlt die Gemeinschaft 100 Br√ľder aus 25 Nationen, die auf verschiedene Weise evangelisch, katholisch, orthodox oder anglikanisch sind.

 

Liebe Mitchristen*innen,

Fr√®re Roger, Taiz√© ‚Äď sie stehen aus meiner Sicht f√ľr ganz wichtige Elemente unseres Glaubens. In ihnen, so finde ich, ist etwas sp√ľrbar geworden von diesem Gott, der sich in der Bibel der ‚ÄěIch-bin-da‚Äú oder ‚ÄěGott mit uns‚Äú nennt. Ich selbst war schon drei Mal mit Jugendlichen f√ľr eine Woche in Taiz√©. Und was mich am meisten beeindruckt hat, war die unglaublich gute und herzliche Stimmung  in all den Tagen. Obwohl alle in einfachen Baracken oder Zelten leben, obwohl morgens jeder f√ľr einen Arbeitsdienst wie Putzen oder K√ľche eingeteilt wird, obwohl es zum Essen nur einfache Gerichte und √ľberschaubare Portionen gibt, obwohl Taiz√© mitten im Nirgendwo liegt ‚Äď selten habe ich so viele gut gelaunte und hilfsbereite junge Menschen gesehen. Und ‚Äď selten habe ich es erlebt, dass drei Mal t√§glich Hunderte von Menschen gerne in die Kirche gehen, miteinander beten, singen, ein Wort aus der Bibel h√∂ren und Stille halten. Oder sich in den Nachmittagsrunden gerne √ľber einen Bibeltext austauschen.

Diese einfache, herzliche, einladende Weise, wie Fr√®re Roger und seine Br√ľder das Evangelium  gelebt haben, hat seither unz√§hlige, v.a. auch junge Menschen, ber√ľhrt. Und das Glaube Freude machen und ein richtig positiven Lebensgef√ľhl schenken kann ‚Äď so wie es ja auch im heutigen Evangelium bei Elisabeth und Maria anklingt ‚Äď konnte ich an vielen Gesichtern in Taiz√© ablesen.

Am Ende möchte ich Frère Roger in einem Zitat selbst zu Wort kommen lassen. Er beschreibt es so:

‚ÄěJene Eingebung hat mich seit meiner Jugend wohl nie mehr verlassen: Ein Leben in Gemeinschaft kann ein Zeichen daf√ľr sein, dass Gott Liebe und nur Liebe ist. Allm√§hlich reifte in mir die √úberzeugung, dass es darauf ankam, eine Gemeinschaft ins Leben zu rufen, eine Gemeinschaft von M√§nnern, die entschlossen sind, ihr ganzes Leben zu geben, und die versuchen, sich stets zu verstehen und zu vers√∂hnen. Eine Gemeinschaft, in der es im Letzten um die G√ľte des Herzens und die Einfachheit geht.‚Äú

© B. Held, 2015

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.