Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

Pfarrb√ľro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
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1. Advent: "F√ľhlen"

Lesung:  1 K√∂n 19, 9 ‚Äď 13

Dort ging er in eine H√∂hle, um darin zu √ľbernachten. Doch das Wort des Herrn erging an ihn: Was willst du hier, Elija?
Er sagte: Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich f√ľr den Herrn, den Gott der Heere, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Alt√§re zerst√∂rt und deine Propheten mit dem Schwert get√∂tet haben. Ich allein bin √ľbrig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.
Der Herr antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vor√ľber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben.
Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.
Als Elija es h√∂rte, h√ľllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der H√∂hle.    (Einheits√ľbersetzung)

Evangelium: Matthäus 9,20-22

Da trat eine Frau, die schon zw√∂lf Jahre an Blutungen litt, von hinten an ihn heran und ber√ľhrte den Saum seines Gewandes; denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand ber√ľhre, werde ich geheilt.
Jesus wandte sich um, und als er sie sah, sagte er: Hab keine Angst, meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Und von dieser Stunde an war die Frau geheilt.  (Einheits√ľbersetzung)

Predigt:

Mensch werden ‚Äď mit allen Sinnen!
Das ist das Thema, mit dem wir in diesem Jahr die Adventszeit gestalten werden.
Mensch werden ‚Äď aha  ‚Ķ
Aber das bin ich doch schon: ein Mensch ‚Äď werden Sie einwenden.
Was ist also zu tun ‚Äď jetzt in diesem Advent?
Die Botschaft von Weihnachten heißt ja unmissverständlich, dass Gott Mensch geworden ist in Jesus von Nazareth, einer von uns also!
Wenn Gott ‚Äď in unserem Christentum ‚Äď Mensch wird, dann hat das die religi√∂se Praxis der Menschen zur Zeit Jesu radikal in Frage gestellt.
Dieser Gedanke darf n√§mlich nicht gedacht werden! Gott muss absolut unantastbar und jenseitig bleiben, damit er Gott sein kann ‚Äď so ist das Denken dieser Zeit.
Die Christen haben ja noch einige Jahrhunderte gebraucht, bis sie sich zu diesem Glaubenssatz durchgerungen haben, dass Jesus wahrer Gott und wahrer Mensch gewesen sei.
Dieser Satz gilt bis zum heutigen Tag und macht manchen Christen richtig M√ľhe. Auch Juden und Muslime reiben sich an dieser Glaubensaussage.
Die Evangelisten bem√ľhen sich schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts, diesen Gedanken immer wieder ins Wort zu fassen. Sie st√ľtzen sich dabei auf diese m√§chtigen Erfahrungen der J√ľngerinnen und J√ľnger Jesu nach der Kreuzigung. Diese Frauen und M√§nner bezeugen unter Einsatz ihres Lebens, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist. Sie verk√ľnden, dass Jesus durch Gott auferweckt worden ist!
Sie verk√ľnden, dass damit das verhei√üene Reich Gottes schon angebrochen ist.
Sie verk√ľnden, dass Gott unter den Menschen unmissverst√§ndlich handelt.
Sie verk√ľnden, dass dieses Handeln Gottes f√ľr alle sp√ľrbar wird, die sich auf die Nachfolge Jesu einlassen.
Sie verk√ľnden, dass dieser Gott ein Gott mit den Menschen ist. ER ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten!
Vielleicht denken Sie jetzt: das weiß ich doch schon, das ist doch alles nichts Neues!
Ja, f√ľr unser heutiges Verst√§ndnis ist das wirklich nichts Neues.
Aber f√ľr die Menschen zur Zeit Jesu ist das ein Angriff auf ihre Religion, auf ihre Werte, auf ihre Normen, auf Ihre Konventionen und Gesetze.
Da gibt es heftige Reaktionen der herrschenden Priesterschaft und der Theologen.
Theologen, das waren die Pharisäer und die Sadduzäer, allerdings mit unterschiedlichen Positionen im Blick auf die Auferstehung.
Aber sie waren sie sich einig, dass ihr Gott niemals Mensch geworden sein kann, weil das seinem Wesen zutiefst widerspricht.
Jetzt fragen Sie sich wahrscheinlich, was das alles mit unserem Thema zu tun hat: Mensch werden ‚Äď mit  allen Sinnen.
Nun, ich wollte Sie mit der Situation der Menschen am ausgehenden 1. Jahrhundert ein bisschen vertraut machen, dass das Evangelium verständlich wird.
Mit dem heutigen 1. Advent beginnt in der Kirche wieder das Matthäusjahr. Das bedeutet, dass das Evangelium des Matthäus in der Liturgie verwendet wird, außer an den Hochfesten, in der Fastenzeit und in der Osterzeit.
Matth√§us legt den Schwerpunkt seines Evangeliums darauf, dass er seiner Gemeinde, f√ľr die er sein Evangelium schreibt, deutlich machen will, dass Jesus der verhei√üene Messias ist, der mit der Vollmacht Gottes Menschen geheilt hat. Er schreibt haupts√§chlich f√ľr Christen, die aus dem Judentum kommen und damit mit den Vorschriften und Regeln des Judentums vertraut sind.
Ich habe Ihnen heute die Stelle von der Heilung der Frau heraus gegriffen, die seit 12 Jahren an Blutungen leidet.
Dabei geht es mir um den Tastsinn, den unser Thema heute in den Mittelpunkt stellt.

Ich erinnere noch einmal an die Szene:
Die Frau tritt von hinten an Jesus heran und greift nach dem Saum seines Gewandes ‚Äď in der Hoffnung, dass sie so von ihrem unertr√§glichen Leiden geheilt wird. Sie will Jesus selbst gar nicht ber√ľhren. So weit reicht ihr Mut nicht.
Was hier in diesen wenigen Sätzen geschildert wird ist eine Ungeheuerlichkeit.
Diese Frau verletzt hier ein absolutes Tabu, das da heißt:
Ein Frau, die ihre Tage hat oder eben unter Blutungen leidet ist kultisch unrein und alles was sie ber√ľhrt, wohin sie sich auch setzt, wird unrein. Wenn nun jemand mit der Frau oder mit so einem Ort, den so eine Frau ber√ľhrt hat, in Ber√ľhrung kommt, wird auch dieser Mensch kultisch unrein.
Wenn sie sich nun Jesus n√§hert, mit der Absicht, ihn zu ber√ľhren, dann wird auch Jesus kultisch unrein und muss sich erst wieder durch das Reinigungsritual reinigen, damit er z.B. den Tempel wieder betreten darf.
Was hier in diesem kurzen Evangelium aufscheint ist eine Moral und ein Wertesystem, das die Frauen benachteiligt. Frauen gelten in diesem patriarchalen, d.h. von M√§nnern bestimmten Denksystem allgemein als minderwertig und s√ľndig.

Entgegen diesem Denken verhält sich Jesus ganz anders. Er hat einen offenen und unverkrampften Umgang mit Frauen.
Diese Freiheit bezieht er aus seiner tiefen √úberzeugung, dass Gott, sein Vater, ein Gott ist, der vorbehaltlos alle Menschen ‚Äď ob Frauen oder M√§nner ‚Äď gleicherma√üen liebt.
Diese √úberzeugung lebt er aus in einer herzlichen Menschlichkeit. Und das wiederum ist das, was die Menschen um ihn herum fasziniert.
Jesus l√§sst sich nicht zur√ľckhalten durch Gesetze oder Konventionen. Immer wieder wird er auch in anderen Heilungsgeschichten ‚Äöhandgreiflich‚Äô.
Er ber√ľhrt Kranke, Blinde, Ausgesto√üene und √∂ffentliche S√ľnder und macht ihnen dadurch wieder ihre W√ľrde bewusst, dass sie alle von Gott geliebt sind.
Die Botschaft vom angebrochenen Reich Gottes wird sp√ľrbar in der menschlichen Zuwendung zu den M√ľhseligen und Beladenen dieses Mannes aus Nazareth.
In unserem Evangelium durchbricht die Frau mit dem Mut der Verzweiflung das herrschende Tabu dieser unbarmherzigen Männerwelt.
Im selben Moment, in dem sie das Gewand Jesu f√ľhlt, f√ľhlt sie auch wie sie geheilt wird. Ihr Vertrauen wird belohnt!
Und was Jesus in dieser Situation tut ist, dass er dieses ‚Wunder der Heilung’ nur noch bestätigen kann.
Allerdings sind die Worte: ‚ÄěFass Mut‚Äú noch wirklich notwendig.
Mit dem bewussten Tabubruch hat sie n√§mlich eine schwere S√ľnde begangen. Mit diesem erl√∂senden Wort Jesu wird sie ermutigt, nicht nur aus so einer absoluten Notsituation den Mut zu so einer Handlung aufzubringen, sondern auch in anderen Situationen √§hnlich zu handeln.
Hier wird den Menschen in der Gemeinde des Matthäus deutlich gemacht:
Was dem Menschen dient, was Menschen heilt, was ihnen zum Leben verhilft, das kann nicht gegen den Willen Gottes sein!
Das aber ist eine radikale Kritik an dieser Denkweise der Frommen, dass jemand, der/die krank ist, von der Gemeinschaft mit Gott, also vom Kult und von den offiziellen Formen der Gottesverehrung ausgeschlossen werden darf.
Anders formuliert:
Gott, so wie ihn Jesus verk√ľndigt, darf niemals dazu missbraucht werden, Menschen in ‚Äörein‚Äô oder ‚Äöunrein‚Äô einzuteilen.
Bei dieser Frau in unserem Evangelium geschieht also mit dieser Heilung und mit diesem Wort, das ihr Mut macht, Mensch-Werdung im eigentlichen Sinn.
In der Ber√ľhrung mit Jesus sp√ľrt sie die Gegenwart Gottes.
Sie darf sich wieder als Frau sp√ľren ohne jedes Gef√ľhl von Minderwertigkeit.
Der Bruch dieses Tabus, des absoluten Ber√ľhrungsverbotes, ist ihr zum Heil geworden.
Bleibt uns heutigen Christen die Aufgabe unser eigenes religi√∂ses System auf solche Tabus hin zu √ľberpr√ľfen.
Auch in unserer Kirche gibt es solche Regeln und Gesetze, die Menschen genauso von den offiziellen Formen der Gottesverehrung und dem Leben in der Gemeinschaft ausschlie√üen. Ich nenne da nur als Stichworte die Menschen, die nach einer Scheidung wieder geheiratet haben, Priester, die aus dem Amt scheiden mussten, weil sie geheiratet haben, Homosexuelle, die in ihrer Veranlagung so nicht sein d√ľrfen in der Kirche usw.
An diesen Beispielen merken Sie, wie aktuell das Evangelium bis zum heutigen Tag ist.
Ich w√ľnsche Ihnen gute Gedanken, wenn Sie noch einmal √ľber die heilsame Energie nachdenken, die von der Ber√ľhrung mit Jesus ausgeht.
Und dann w√ľnsche ich Ihnen viele solche heilsamen Ber√ľhrungen mitten in Ihrem Leben.

Amen.

¬© R. H√ľbschle 2010

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.