Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

Pfarrb√ľro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
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2. Advent

Lesung: Bar 5, 1-9

Leg ab, Jerusalem, das Kleid deiner Trauer und deines Elends und bekleide dich mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir f√ľr immer verleiht!
Leg den Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt!
Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen.
Gott gibt dir f√ľr immer den Namen: Friede der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht.
Steh auf, Jerusalem, und steig auf die Höhe! Schau nach Osten und sieh deine Kinder: Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, dass Gott an sie gedacht hat.
Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte.
Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen H√ľgel und heben sollen sich die T√§ler zu ebenem Land, sodass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann.
Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß.
Denn Gott f√ľhrt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.Abschrift eines Briefes, den Jeremia an jene gesandt hat, die vom K√∂nig der Babylonier als Gefangene nach Babel weggef√ľhrt werden sollten; darin teilte er ihnen mit, was Gott ihm aufgetragen hatte.

 

Evangelium: Lk 3, 1-6

Es war im f√ľnfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Jud√§a, Herodes Tetrarch von Galil√§a, sein Bruder Philippus Tetrarch von Itur√§a und der Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas. Da erging in der W√ľste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias.
Und er zog in die Gegend am Jordan und verk√ľndete dort √ľberall die Taufe der Umkehr zur Vergebung der S√ľnden, wie im Buch der Reden des Propheten Jesaja geschrieben steht: Stimme eines Rufers in der W√ľste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Stra√üen!
Jede Schlucht soll aufgef√ľllt und jeder Berg und H√ľgel abgetragen werden. Was krumm ist, soll gerade, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden.
Und alle Menschen werden das Heil Gottes schauen.

 

Predigt

Liebe Gemeinde,         

‚ÄěVon wegen von gestern!‚Äú  -

Die Heilige, die in unserem heutigen Adventsgottesdienst zu Wort kommen soll, ist eines ganz sicher nicht: ‚Äěvon gestern!‚Äú

Und das, obwohl diese Frau schon 900 Jahre tot ist.

H√∂chstens an ihre Sprache m√ľssen wir Menschen heute uns vielleicht gew√∂hnen.

Aber hören Sie einfach mal selber, was Hildegard von Bingen jedem und jeder von Ihnen heute sagen will:

‚ÄěDie Heiligkeit deines Wollens betrachtest du als Hausgenossen, den Schatten der weltlichen M√ľhsal siehst du als Fremdling an.

Du gestattest nicht, dass sie sich miteinander vereinigen und sp√ľrst daher h√§ufig Erm√ľdung in deinem Geiste.‚Äú

(Pierre Stutz, Verwundet…, S.24)

Einen Blick in die Welt dieser Hildegard von Bingen m√∂chte ich Ihnen heute erm√∂glichen ‚Äď

einen Blick hinter ihre Klostermauern und einen Blick in die Welt ihres Denkens, ihres F√ľhlens und ihres Glaubens.

Ich meine:

Es ist faszinierend, was diese große Heilige uns Christen heute noch zu sagen hat.

            ‚ÄěVon wegen von gestern!‚Äú

Wer war diese Frau, die gerade in unserer Zeit besonders wegen Ihrer Naturheilkunde zu einer ganz bekannten Heiligen geworden ist.

Vermutlich im Alter von 12 Jahren wird Hildegard als Tochter adliger Eltern ins Kloster gebracht und genie√üt die besondere Zuwendung und Erziehung der √Ąbtissin.

Als junge Benediktinerin lernt sie lesen und schreiben ‚Äď und: die lateinische Sprache ‚Äď

alles Privilegien, von denen andere Frauen zu Beginn des 12.Jahrhunderts nur träumen können.

Hildegard studiert die Kirchenv√§ter und alle medizinischen Fachb√ľcher, die sie in die H√§nde bekommt.

Ordensfrau sein - das ist f√ľr eine junge Frau in der damaligen Zeit ein richtiges Geschenk gewesen. Sie ist nicht gegen ihren Willen verheiratet worden und war auch nicht das Eigentum eines Mannes.

Mit fast 40 Jahren dann wird die wissenshungrige und gebildete Hildegard √Ąbtissin in ihrem Kloster. Und nur kurze Zeit sp√§ter beginnt sie, in lateinischer Sprache B√ľcher zu schreiben:

Ein 3-bändiges theologisches Werk ist es geworden, in dem sie die Beziehung von uns Menschen zu unserem Gott meditiert.

Und Gott sei Dank sind uns viele ihrer Schriften und B√ľcher erhalten geblieben.

Ganz besonders beeindruckt ist die Theologin und Schriftstellerin Hildegard von Bingen von der Schöpfungserzählung im Alten Testament und vom Anfang des Johannesevangeliums.

Aber ich lasse die Schreiberin selber zu Wort kommen:

‚ÄěDer Johannesprolog und die Genesis sind Bibelstellen, die ich mein Leben lang wieder- und wiedergek√§ut habe. So ist mir aufgegangen:

Hier ist alles enthalten ‚Äď √ľber die Sch√∂pfung und den Menschen, √ľber den Sinn der Zeit und der Kirche.‚Äú

(Von wegen von gestern, S.16-17)

            ‚ÄěVon wegen von gestern!‚Äú -

die belesene Frau, die sich in der Bibel und in der Kirchengeschichte auskennt, ist aber alles andere als eine weltfremde Nonne gewesen, die sich in ihre Klosterzelle einschlie√üt und dort ihre einsamen Studien treibt. Sie ist im Gespr√§ch mit ihren Mitschwestern eine einf√ľhlsame Zuh√∂rerin, wenn es ihnen nicht gut geht. Und weil sie selber immer wieder im Laufe ihres Lebens richtig krank ist, kennt sie Leiden und Schmerzen und die Zerbrechlichkeit unseres menschlichen Lebens.

F√ľr die Heilige Hildegard gibt es einen ganz tiefen Zusammenhang zwischen Leib, Geist und Seele bei uns Menschen. Sie verbietet als √Ąbtissin alle Bu√üg√ľrtel und sonstige Werkzeuge, mit denen sich manche Ordensleute in der damaligen Zeit selber Schmerzen zugef√ľgt haben ‚Äď nur um Gott gn√§dig zu stimmen. Und mit k√§mpferischen Worten macht sie ihren Mitschwestern immer wieder klar, dass sie ihren K√∂rper wertsch√§tzen und pflegen sollen ‚Äď und eben nicht nur ihren Geist und ihre Seele!!

Hildegard l√§sst in ihrem Kloster einen Kr√§utergarten anlegen und bringt ihren Mitschwestern  -  wie eine Apothekerin  - bei, welche Heilkr√§uter bei welcher Krankheit Heilung bringen.

Und das hört sich dann bei der Naturheilkundlerin Hildegard von Bingen so an:

‚ÄěWenn jemand √úberfluss an Schleim hat, oder wenn jemand stinkenden Atem hat, dann koche er Salbei in Wein, und dann seihe er es durch ein Tuch, und so trinke er oft. ‚Ķ

Und wer jähzornig ist, der nehme die Rose und weniger Salbei und zerreibe es zu Pulver. Und in jener Stunde, wenn der Zorn ihm aufsteigt, halte er es an seine Nase. Denn der Salbei tröstet, die Rose erfreut.“

(H.Strickerschmidt, Jahreskreis..,S.46-47)

Wie wärs??!! Probieren Sies doch einfach mal daheim aus!

            ‚ÄěVon wegen von gestern!‚Äú ‚Äď

und von wegen unscheinbares Kr√§uterweible, das ihre Heilkr√§uter sammelt und nicht den Blick √ľber ihre Klostermauern wagt.

Hildegard von Bingen ist auch eine prophetische Frau gewesen!

Und es hat ihr nicht an Mut und nicht an klaren Worten gefehlt, wenn sie Missstände innerhalb ihres Klosters oder in der Kirche ihrer Zeit entdeckt hat.

In einer ihrer Schriften nennt sie manche Bisch√∂fe und Priester ‚ÄěR√§uber‚Äú und ‚Äěgefr√§√üige W√∂lfe‚Äú, die Gottes Botschaft nicht glaubw√ľrdig genug verk√ľnden.

Und jetzt wieder Hildegard wörtlich:

Bevor ich das jetzt aber vorlese, will ich drauf hinweisen: Hildegard hat unseren Pfarrer nicht gekannt!!!!!

‚ÄěEigentlich sollten die Priester die Leuchten der Kirche sein; aber ihre Predigten sind voller Finsternis; sie bem√ľhen sich nicht um das Verstehen der Schrift‚Ķ.und verscheuchen durch ihr leeres Gerede bestenfalls einige Fliegen.‚Äú

(Von wegen von gestern; S. 13)

Als Hildegard dann auch noch einen von der Kirche exkommunizierten Mann ganz bewusst auf ihrem Klostergelände beerdigen lässt, kommt es zum offenen Konflikt mit ihrem Ortsbischof. Er verbietet Hildegard, im Kloster die Eucharistie weiterhin zu feiern und versucht, sie so in ihre Schranken zu weisen.

Und dann f√§hrt die schon fast 80-j√§hrige √Ąbtissin nach Rom und regelt dort diese Angelegenheit ‚Äď ohne ihren Bischof!!

            ‚ÄěVon wegen von gestern!‚Äú ‚Äď

vielleicht sp√ľren Sie es:

Diese Hildegard von Bingen begeistert mich. Sie tut mir als Frau in unserer heutigen Kirche gut:

Sie ist gebildet, belesen und gleichzeitig ber√ľhrt von den allt√§glichen k√∂rperlichen N√∂ten der Menschen in ihrer N√§he.

Sie sitzt in der Zelle ihres Klosters, vertieft in die lateinische Sprache und ist gleichzeitig bestens dar√ľber informiert, was sich in der Welt au√üerhalb ihres Klosters tut.

Sie hat die Leitung und die Verantwortung f√ľr ihr Kloster und findet trotzdem Zeit zum Singen, weil Musik ihre gro√üe Liebe ist.

Woher nimmt diese große Heilige die Kraft, dass sie so leben kann, dass sie so viel schaffen und aushalten kann, obwohl sie immer wieder auch lebensbedrohlich krank gewesen ist???

‚ÄěDie Heiligkeit deines Wollens betrachtest du als Hausgenossen, den Schatten der weltlichen M√ľhsal siehst du als Fremdling an. Du gestattest nicht, dass sie sich miteinander vereinigen und sp√ľrst daher h√§ufig Erm√ľdung in deinem Geiste.‚Äú

Ich versuche einmal, Ihnen diese S√§tze der Hildegard in unsere heutige Sprache zu √ľbersetzen:

Euch Menschen ‚Äď das will sie wohl sagen ‚Äď gehen in eurem Leben die Kr√§fte aus, ihr werdet m√ľde, traurig oder verbittert, weil es euch nicht gelingt, auch die M√ľhsal, die dunklen Seiten in eurem Leben anzunehmen, anstatt sie vor euch selber zu leugnen, zu verdr√§ngen, oder gar zu bek√§mpfen oder die Schuld daf√ľr, anderen zuzuschieben.

Ganz offensichtlich ist die Heilige Hildegard davon √ľberzeugt, dass wir Menschen nur dann wirklich zum Leben kommen, wenn wir uns zugestehen, dass das M√ľhsame, alles Schmerzvolle, Krankheiten, Tod und unsere ganzen Schw√§chen -  unsere Aggression, unser Zorn, unsere Eifersucht, unser Neid -  alle unsere unattraktiven Seiten ‚Äď auch zu uns geh√∂ren. Genauso wie die hellen Seiten: alle guten Erfahrungen, unser Erfolg, unsere Begabungen, unsere St√§rken, unsere Begeisterung, unsere guten Vors√§tze und Absichten -  all das, worauf wir selber stolz sind.

Sobald beide Welten in uns leben d√ľrfen ‚Äď die helle und die dunkle Welt ‚Äď werden wir Menschen frei und heil und ganz.

Spirituelle Menschen, heilige Menschen ‚Äď wie Hildegard  schaffen das.

Sie können beide Welten in sich selber ehrlich anschauen und sich mit diesen beiden Welten gelassen und sogar liebe-voll annehmen, weil sie darauf vertrauen, dass unser Gott sie genau so liebt, wie sie sind.

Aus diesem Vertrauen schöpft die Heilige Hildegard ihre Kraft zum Leben und zum kreativen und mutigen Gestalten der Welten, die ihr begegnen.

Und: Hildegard von Bingen ist eine mystische Frau! Das Wort ‚ÄěMystik‚Äú kommt vom griechischen Wort őľŠĹźőĶőĻőĹ und bedeutet: ‚Äědie Augen schlie√üen und nach innen schauen‚Äú. F√ľr Hildegard und f√ľr alle anderen mystischen M√§nner und Frauen sind Augenblicke der Stille ganz wichtig: Meditation, bei sich sein. In diesen Augenblicken, in denen sie ihre eigenen inneren Welten gelassen und liebevoll anschauen, kommen mystische Menschen in Ber√ľhrung mit der g√∂ttlichen Welt. Sie kommen in Ber√ľhrung mit dem ‚Äělebendigen Licht‚Äú ‚Äď so sagt es Hildegard von Bingen w√∂rtlich.

Dem lebendigen Licht begegnen ‚Äď diese Erfahrung k√∂nnen auch wir Menschen machen, wenn wir es wagen, in unsere eigenen Tiefen, in die Welten in unserem Inneren zu schauen. Und dann wird jeder und jede von uns vermutlich Unterschiedliches erleben ‚Äď vielleicht auch mit unserem Gott, der uns dann - wie auch immer ‚Äď ber√ľhrt.

Und dann haben wir Menschen tats√§chlich gute Gr√ľnde, alle Trauer und ‚Äědas Kleid unseres Elends‚Äú abzulegen ‚Äď so wie es der Prophet Baruch im heutigen Lesungstext formuliert. Weil Gott uns mit ‚Äědem Schmuck seiner Herrlichkeit‚Äú kleidet.

Liebe Gemeinde,

ich w√ľnsche Ihnen allen, dass Sie sich trauen , Ihre eigenen inneren Welten immer mehr zu entdecken und dass Sie Ihren Anspruch loslassen k√∂nnen, dass in Ihrem Leben alles geregelt, alles, gerade, alles perfekt und alles gro√üartig sein muss.

Vielleicht hilft uns allen dabei ja das Bild der Heiligen Hildegard, die w√∂rtlich sagt: Unser Gott ‚Äěk√ľsst‚Äú uns Menschen auch dann, wenn wir von aller weltlichen ‚ÄěM√ľhsal‚Äú gezeichnet sind und wenn wir uns selber ganz unattraktiv und gar nicht liebens-wert finden.

Ich w√ľnsche Ihnen, dass Sie immer mehr zu mystischen Menschen werden: unvollkommen, aber geborgen und gl√ľcklich, und:

            ‚ÄěNicht von gestern!‚Äú

Amen.

@ Angelika Böhm, 2009

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.