Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

Pfarrb√ľro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
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4. Advent

Lesung: Jes 62, 11-12

Siehe, der HERR hat es bekannt gemacht bis ans Ende der Erde. Sagt der Tochter Zion: Siehe, deine Rettung kommt. Siehe, sein Lohn ist mit ihm und sein Ertrag geht vor ihm her!
Dann wird man sie nennen Heiliges Volk, Erlöste des HERRN. Und du wirst genannt werden: Begehrte, nicht mehr verlassene Stadt.

 

Evangelium: Mt 15, 29-31

Jesus zog von dort weiter und kam an den See von Galiläa. Er stieg auf einen Berg und setzte sich.

Da kamen viele Menschen zu ihm und brachten Lahme, Blinde, Kr√ľppel, Stumme und viele andere Kranke; sie legten sie ihm zu F√ľ√üen und er heilte sie, sodass die Menschen staunten, als sie sahen, dass Stumme redeten, Kr√ľppel gesund wurden, Lahme gehen und Blinde sehen konnten. Und sie priesen den Gott Israels.

 

Predigt:

‚ÄěLiebe Christinnen und Christen in Ravensburg!

Meinen Brief an Sie alle möchte ich mit einer Bitte beginnen:

Wenn Sie √ľber mich sprechen, dann bitte nennen Sie mich einfach Elisabeth ‚Äď und weder Prinzessin von Ungarn, noch Landgr√§fin von Th√ľringen.

Dass ich eine Adlige bin, bedeutet mir nichts!

Und ich lege auch keinen Wert darauf, dass Sie mich als ‚ÄěHeilige‚Äú ansprechen.

Ich bin Elisabeth. Und ich verstehe nicht, dass manche Frauen und M√§nner ganz viel daf√ľr tun, dass sie als ‚ÄěHeilige‚Äú oder sogar als ‚ÄěHeiliger Vater‚Äú angesprochen werden. Ist nicht Gott allein heilig?!

Wahrscheinlich f√ľhlen sie sich dann wichtig, wenn sie so einen Titel haben. Und dann ist ihnen ein Platz in den Geschichtsb√ľchern sicher.

Mir ist es viel wichtiger, dass Gott seinen Platz in meinem Herzen sicher hat. Und diese g√∂ttliche Kraft habe ich mein Leben lang ‚Äď so gut ich das konnte ‚Äď zu all den Menschen getragen, die fast keine Kr√§fte mehr gehabt haben, aber eine gro√üe Sehnsucht nach Gl√ľck und nach Gott.

Aber da fällt mir ein:

Ich wei√ü gar nicht so genau, wieviel  Sie alle √ľber mich wissen, und deshalb ist es vielleicht klug, dass ich Ihnen jetzt zuallererst einige Einzelheiten aus meinem kurzen Leben erz√§hle:

Im Jahre 1207 bin ich in Ungarn geboren ‚Äď als Tochter des ungarischen K√∂nigs Andreas II und Gertrud von Andechs. Meine Familie hat zu den einflussreichsten Adelsfamilien in der damaligen Zeit geh√∂rt.

Als ich 4 Jahre alt war, haben meine Eltern f√ľr mich entschieden, dass ich sp√§ter den √§ltesten Sohn des Landgrafen Hermann von Th√ľringen heiraten soll. Und deshalb bin ich schon als kleines Kind mit einer gro√üen Summe Geld meiner Eltern am Hof des Landgrafen von Th√ľringen angekommen. Ich sollte von der Familie erzogen werden, in der mein sp√§terer Mann gelebt hat. Das ist im hohen Mittelalter so √ľblich gewesen.

Und weil mein Schwiegervater gerne von K√ľnstlern umgeben war, habe ich am Hof von Th√ľringen ganz oft  Minnes√§nger und Dichter erlebt. Vielleicht kennen manche von Ihnen Wolfram von Eschenbach oder Walther von der Vogelweide.

Ich selber habe allerdings nur ungern an solchen gro√üen Festen teilgenommen: Essen, Trinken, laute Musik, Spa√ü machen und feiern  - das war f√ľr die meisten am Hof ein pures Vergn√ľgen, aber mir war das alles zu viel  - vor allem nachdem ich als junges M√§dchen begriffen habe, dass der gro√üe Reichtum meiner Eltern, aber auch der Reichtum am Hofe von Th√ľringen von der v√∂llig verarmten Bev√∂lkerung erwirtschaftet wurde.

Das hat mich schockiert. Und es ist mir deshalb schwer gefallen, an reich gedeckten Tischen zu sitzen - mit meinem glitzernden Schmuck und meinen prachtvollen  Kleidern, w√§hrend au√üerhalb der Burg-Mauern die Menschen nicht einmal das N√∂tigste zum Leben hatten, aber die gro√üe Sehnsucht: Wirklich Mensch sein!!!

Deshalb habe ich immer häufiger kritisch am Hof des Landgrafen nachgefragt, woher denn dieser Reichtum und dieses Essen komme.

Sie k√∂nnen sich nicht vorstellen, wie ich mit solchen Bemerkungen immer mehr zur Au√üenseiterin geworden bin‚Ķ.Schlimme Geh√§ssigkeiten und Beschimpfungen habe ich mir anh√∂ren m√ľssen: Von meinen adligen Verwandten, von den Ratgebern des Landgrafen, aber auch von Dienern und Dienerinnen.

Mein Schwiegervater ist von ihnen energisch dazu gedr√§ngt  worden, dass er mich an den K√∂nigshof nach Ungarn zur√ľckschickt ‚Äď mit der Ausrede, meine Eltern h√§tten mir zu wenig Mitgift mitgegeben.

Was mich in dieser schweren Zeit trotzdem immer wieder froh gemacht hat, war mein Ehemann Ludwig und mein Vertrauen zu Gott.

Nach dem Tod meines Schwiegervaters hat Ludwig mit 17 Jahren die Regentschaft  am Hof von Th√ľringen √ľbernommen. 1221 haben Ludwig und ich geheiratet. Ich war damals 14 Jahre alt.

Ich habe meinen Mann sehr geliebt, und wir haben eine wundersch√∂ne Zeit als Paar erlebt. Ludwig hat mich gegen seine geh√§ssige Verwandtschaft verteidigt, und er hat mich immer unterst√ľtzt, wenn ich den Hof verlassen  und Kranken und Bed√ľrftigen geholfen habe. Gemeinsam haben wir daf√ľr gesorgt, dass in Gotha ein Krankenhaus f√ľr die √Ąrmsten entsteht.

Ludwig und mir wurden 3 Kinder geschenkt. Mein drittes Kind war aber noch nicht geboren, als das gr√∂√üte Ungl√ľck in meinem Leben geschehen ist: Mein geliebter Ludwig ist auf dem Weg zum Kreuzzug gestorben, den der Papst und der Kaiser gemeinsam ausgerufen hatten. Und von diesem Augenblick an war in meinem Leben nichts mehr so, wie es vorher war‚Ķ‚Ķ.‚Äú

Dieser Brief der Heiligen Elisabeth von Th√ľringen ist nicht echt. Er ist fiktiv  - geschrieben von mir.

Nur wenige Zitate sind uns von ihr √ľberliefert worden. Aber ihr Lebenswerk wurde weitererz√§hlt ‚Äď von all den Menschen, die sie gekannt und gesch√§tzt haben und die von ihr sagen: Sie hat vielen Kindern, Frauen und M√§nnern ihre W√ľrde zur√ľckgegeben, und sie sind durch sie wieder zu ‚ÄěMenschen geworden‚Äú.

Elisabeth wird in unserer Kirche als Heilige verehrt und als Landespatronin von Th√ľringen und Hessen. Es ist vor allem ihre bewundernswerte N√§chstenliebe, die sie zur gro√üen Heiligen des Mittelalters macht:

Ihre Liebe zu den √Ąrmsten und zu den Entrechteten, f√ľr die sie ihren k√∂niglichen Schmuck verkauft und ihre seidenen Gew√§nder abgelegt und verschenkt hat. Die Kinder und Erwachsenen  mit den ansteckendsten Krankheiten hat sie selber gepflegt, und es wird erz√§hlt, dass sie sogar Z√§rtlichkeiten mit ihnen ausgetauscht haben soll. Sie alle sollten das Gef√ľhl haben, dass sie in der Begegnung mit Elisabeth wieder zu wertvollen Menschen werden.

 

O, Gott, Elisabeth ist Mensch geblieben ‚Äď trotz ihres gro√üen Reichtums und trotz  ihrer politischen Macht als Landgr√§fin.

Mensch ist sie geblieben aus Liebe zu dir, o, Gott, und aus Liebe zu den Kleinen, zu den wenig Geachteten.

Und Elisabeth ‚Äď die K√∂nigstochter und Gr√§fin ‚Äď ist eben nicht der Versuchung erlegen, ihre politische Macht und ihr Geld daf√ľr zu missbrauchen, um die √Ąrmsten und die Ohnm√§chtigen zu unterdr√ľcken. Ob wohl manche Staatsm√§nner in unserer Zeit ‚Äď und besonders die Verantwortlichen f√ľr die Welt-M√§chte  - schon einmal etwas von Elisabeth von Th√ľringen geh√∂rt haben???!!

Diese beeindruckende Frau hat ihren Reichtum jedenfalls gern und voller Liebe verschleudert, damit sie warme Decken f√ľr die Kranken verteilen konnte und warmes Essen an die Kinder.

 

O, Gott, Elisabeth ist Mensch geblieben!

Nicht eingebildet, nicht √ľberheblich und auch nicht gr√∂√üenwahnsinnig ist sie gewesen ‚Äď und ganz anders, als es ihr von der geh√§ssigen Verwandtschaft am Hof vorgelebt wurde.

Ich bin mir sicher:

Elisabeth ist vor allem deshalb Mensch geblieben, weil sie ein ganz gro√ües Lebensziel gehabt hat: Jesus nachfolgen ‚Äď und leben wie er!!

Im heutigen Evangelium  erleben wir Jesus von Nazareth genau so, wie er f√ľr Elisabeth wohl zum Vorbild  - und nach dem Tod ihres geliebten Mannes ‚Äď vermutlich auch zum einzigen Lebensziel geworden ist:

Achtsam, tröstend, heilend und befreiend.

In ganz wenigen Versen fasst Matthäus die ganz unterschiedlichen Begegnungen Jesu mit den körperlich und psychisch Kranken seiner Zeit zusammen.

An anderen Stellen im Neuen Testament werden ganz ausf√ľhrlich  einzelne heilende Begegnungen mit Jesus geschildert:

Da wird im Johannesevangelium von einem Mann erz√§hlt, dem Jesus die Augen f√ľr die Wahrheit und f√ľr das wirkliche Menschsein ge√∂ffnet hat.

(Joh 9, 1-12)

Da erz√§hlt Lukas von einem kleinen Jungen, der wie wild um sich schreit ‚Äď geplagt von einer psychischen Krankheit ‚Äď und Jesus hilft ihm, dass er wieder zum wirklichen Leben kommt.

(Lk 9, 37-43a)

Da war eine Frau, die so viel Blut verloren hatte, dass ihr jede Lebensenergie gefehlt hat, und in der Begegnung mit Jesus bekommt sie wieder neue Kräfte.

(Lk 8, 43-48)

Mensch, Gott, das war eine gute Idee: Du kommst selber in unsere Welt im Menschen Jesus von Nazareth, damit wir Menschen ahnen, wie du bist.

Und Elisabeth, die Gr√§fin aus Th√ľringen, hat sich ber√ľhren lassen, von dieser Idee.

Sie ist beseelt gewesen von dem Gedanken, eine wirkliche J√ľngerin Jesu zu sein.

O, Gott, Elisabeth ist Mensch geblieben als wirkliche J√ľngerin Jesu ‚Äď trotz ihrer politischen Macht und trotz ihres Reichtums ‚Äď aber auch mit allen ihren menschlichen Schw√§chen.

Es ist wohl der größte Fehler im Leben dieser beeindruckenden Frau gewesen, dass sie dem Priester Konrad von Marburg blind vertraut und absoluten Gehorsam versprochen hat.

Dieser sehr gebildete Kleriker ist in glaubw√ľrdigen Quellen als  erfolgreicher Kreuzzugsprediger bezeugt. Zun√§chst  im Elsass, dann im Rheinland und schlie√ülich in Th√ľringen hat er unter freiem Himmel die Menschenmassen mit feurigen Predigten daf√ľr begeistern k√∂nnen, dass sie unser Christentum mit Waffengewalt gegen den Islam verteidigen.

Diese √úberzeugung hat Konrad von Marburg fatalerweise mit dem damaligen Papst Innozenz geteilt, so dass dann unter der F√ľhrung des r√∂misch-deutschen Kaisers Friedrich II im 13. Jahrhundert ein Kreuzzug zur R√ľckeroberung Jerusalems von den Muslimen stattgefunden hat.

Konrad von Marburg ist gleichzeitig einer der bekanntesten Ketzerverfolger  der damaligen Zeit gewesen, und er hat viele Menschen  - auch viele Unschuldige - auf den Scheiterhaufen gebracht.

Dieser Priester ist wohl mit der Landgrafenfamilie befreundet gewesen. Er hat Ludwig zum Kreuzzug √ľberredet und ist dann Elisabeths Beichtvater geworden.

Immer wieder hat er von ihr schreckliche Fr√∂mmigkeits√ľbungen verlangt und sie auch immer wieder geschlagen.

Elisabeth ist ihm vollkommen h√∂rig gewesen ‚Äď bis zu ihrem Tod mit 24 Jahren.

 

Liebe Gemeinde,

ich werde Ihnen jetzt kein Ende des Briefes der Heiligen Elisabeth vorlesen.

Nur 1 wörtliches Zitat dieser beeindruckenden Frau möchte ich Ihnen jetzt zum Schluss mit in die kommenden Weihnachtstage geben:

‚ÄěIch habe euch immer gesagt, ihr m√ľsst die Menschen froh machen.

O, Gott, was f√ľr eine glaubw√ľrdige J√ľngerin Jesu ist diese Elisabeth gewesen!

Und sie ist ihr Leben lang Mensch geblieben und fröhlich - trotz allem.

 

Amen.  

© A. Böhm, 2018

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.