Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

Pfarrb├╝ro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
Schwalbenweg 5
88213 Ravensburg

Tel. 0751-7912430
Fax 0751-7912440
E-Mail: Info-Dreifaltigkeit.RV@drs.de

 

 

3. Fastensonntag

Lesung: R├Âm 16, 1-16

Ich empfehle euch unsere Schwester Ph├Âbe, die Dienerin der Gemeinde von Kenchre├Ą:
Nehmt sie im Namen des Herrn auf, wie es Heilige tun sollen, und steht ihr in jeder Sache bei, in der sie euch braucht; sie selbst hat vielen, darunter auch mir, geholfen.
Gr├╝├čt Priska und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, die f├╝r mich ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben; nicht allein ich, sondern alle Gemeinden der Heiden sind ihnen dankbar.
Gr├╝├čt auch die Gemeinde, die sich in ihrem Haus versammelt. Gr├╝├čt meinen lieben Ep├Ąnetus, der die Erstlingsgabe der Provinz Asien f├╝r Christus ist.
Gr├╝├čt Maria, die f├╝r euch viel M├╝he auf sich genommen hat.
Gr├╝├čt Andronikus und Junias, die zu meinem Volk geh├Âren und mit mir zusammen im Gef├Ąngnis waren; sie sind angesehene Apostel und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt.
Gr├╝├čt Ampliatus, mit dem ich im Herrn verbunden bin.
Gr├╝├čt Urbanus, unseren Mitarbeiter in Christus, und meinen lieben Stachys.
Gr├╝├čt Apelles, der sich in Christus bew├Ąhrt hat. Gr├╝├čt das ganze Haus des Aristobul.
Gr├╝├čt Herodion, der zu meinem Volk geh├Ârt. Gr├╝├čt alle aus dem Haus des Narzissus, die sich zum Herrn bekennen.
Gr├╝├čt Tryph├Ąna und Tryphosa, die f├╝r den Herrn viel M├╝he auf sich nehmen.
Gr├╝├čt die liebe Persis; sie hat f├╝r den Herrn gro├če M├╝he auf sich genommen.
Gr├╝├čt Rufus, der vom Herrn auserw├Ąhlt ist; gr├╝├čt seine Mutter, die auch mir zur Mutter geworden ist.
Gr├╝├čt Asynkritus, Phlegon, Hermes, Patrobas, Hermas und die Br├╝der, die bei ihnen sind.
Gr├╝├čt Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester, Olympas und alle Heiligen, die bei ihnen sind.
Gr├╝├čt einander mit dem heiligen Kuss. Es gr├╝├čen euch alle Gemeinden Christi.

 

Evangelium: Lk 8, 1-3

In der folgenden Zeit wanderte er (Jesus) von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verk├╝ndete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zw├Âlf begleiteten ihn, au├čerdem einige Frauen, die er von b├Âsen Geistern und von Krankheiten geheilt hatte: Maria Magdalene, aus der sieben D├Ąmonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterst├╝tzten Jesus und die J├╝nger mit dem, was sie besa├čen.

 

Predigt:

Liebe Gemeinde,

mehr als 1600 Jahre alt ist der Text, den ich Ihnen jetzt gleich vorlesen werde. Er geh├Ârt zu den ÔÇ×Apostolischen KonstitutionenÔÇť ÔÇô das ist eine  Sammlung von religi├Âsen Anweisungen und auch von Ritualen aus der Zeit der ersten christlichen Gemeinden, und die Menschen, die diese Sammlung zusammengeschrieben haben, berufen sich auf die Lehre der Apostel und auf die Verk├╝ndigung der J├╝ngerinnen und J├╝nger Jesu.

Und jetzt h├Âren Sie diesen Text aus dem 4. Jahrhundert  nach Christus  in seinem Wortlaut:

ÔÇ×Du, Bischof, leg ihr die H├Ąnde auf im Kreis des Presbyteriums und der Diakone und Diakoninnen und sprich:

Ewiger Gott, Vater unseres Herrn Jesus Christus, Sch├Âpfer des Mannes und der Frau, Du hast Miriam und Deborah und Anna und Hulda mit Geist erf├╝llt, du hast nicht verschm├Ąht, deinen eingeborenen Sohn von einer Frau geb├Ąren zu lassen, Du hast im Zelt des Zeugnisses und im Tempel die H├╝terinnen deiner heiligen Pforten bestimmt:

Schau nun auf diese Deine Dienerin, die zum Diakonat bestimmt ist, und gib ihr deinen heiligen Geist und reinige sie von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes, damit sie das ihr aufgetragene Werk w├╝rdig durchf├╝hren kann zur Ehre und zum Lob deines Christus, mit dem Dir und dem Heiligen Geist sei Ehre und Anbetung in Ewigkeit. Amen.ÔÇť

(aus: Diakonat, Ein Amt f├╝r Frauen in der Kirche ÔÇô Ein frauengerechtes Amt?, Schwabenverlag 1997, Seite 47)

Anne Jensen  war  Professorin f├╝r Alte Kirchengeschichte an der Universit├Ąt  Graz, und sie hat bei ihren Forschungen zur Rolle der Frau in der fr├╝hen Kirche dieses Weihegebet bei der Diakoninnenweihe entdeckt. Es hat also ganz offensichtlich in den fr├╝hen christlichen Gemeinden Frauen im Amt der Diakonin gegeben, und sie wurden im griechischen Urtext ÔÇô wie ihre m├Ąnnlichen Kollegen auch -   ╬┤ ╬╣ ╬▒ ╬║ o ╬Ż o ¤é  genannt.

Diese fr├╝hen christlichen Diakoninnen ÔÇô so beschreibt das Anne Jensen in ihren Forschungsergebnissen ÔÇô hatten eine ganz wichtige Aufgabe: Sie wurden in die H├Ąuser der erwachsenen Taufbewerberinnen geschickt und mussten dort diesen Frauen die wichtigsten Inhalte des neuen Glaubens erkl├Ąren - so wie ihn Jesus von Nazareth verk├╝ndet hat. F├╝r den Katechumenenunterricht waren die Diakoninnen also verantwortlich. Bei der Tauffeier dann haben sie die nackten Taufbewerberinnen gesalbt, die vorher noch in ein gro├čes Taufbecken steigen mussten. Ihre m├Ąnnlichen Kollegen haben in der fr├╝hen Kirche bei den m├Ąnnlichen Taufbewerbern genau die gleichen Aufgaben gehabt. Und weil in diesen fr├╝hen christlichen Gemeinden tats├Ąchlich nur Erwachsene getauft wurden und weil diese Frauen und M├Ąnner  bei ihrer Taufe nackt gewesen sind, ist diese Aufgabenverteilung nach Geschlechtern v├Âllig einleuchtend.  Nach Abschluss der Tauffeier hat dann der Bischof den neugetauften Frauen die Firmung gespendet, und anschlie├čend sind sie wieder der Diakonin ├╝bergeben worden, damit sie von ihr weiter im Glauben unterrichtet werden konnten.

In ihren wissenschaftlichen Forschungsergebnissen zum Diakonat der Frau erw├Ąhnt Anne Jensen aber auch, dass uns noch andere Weihegebete  aus diesen ersten christlichen Jahrhunderten erhalten sind und dass in diesen Gebeten nicht nur Miriam und Deborah, Anna und Hulda, sondern auch Phoebe genannt wird. Alle diese Frauen sollen f├╝r die neugeweihten Diakoninnen Vorbilder sein.

Und jetzt wirdÔÇÖs spannend: Phoebe ist eine enge Vertraute des Paulus ÔÇô und sie ist Ihnen in der heutigen Lesung begegnet:

Paulus selber stellt sie der Gemeinde in Rom als ÔÇ×Dienerin der Gemeinde von Kenchre├ĄÔÇť vor ÔÇô so hei├čt es in der deutschen ├ťbersetzung. Aber auch hier, im R├Âmerbrief,  steht im griechischen Urtext: ╬┤ ╬╣ ╬▒ ╬║ o ╬Ż o ¤é   t ╬Ě ¤é  ╬Á ╬║ ╬║ ╬╗ ╬Ě ¤â ╬╣ ╬▒ ¤é - also ÔÇ×Diakonin der KircheÔÇť.

Ganz offensichtlich hat es also bereits in den Gemeinden des Paulus Frauen gegeben, die den Dienst der Diakoninnen ausge├╝bt haben. Und an diesen Frauen haben sich dann die christlichen Gemeinden der nachfolgenden  Jahrhunderte orientiert.

Das ist eine wirkliche Provokation, Paulus!!

Es ist eine Provokation f├╝r alle, die in unserer Kirche immer noch gerne vertuschen m├Âchten, dass es das Amt der Diakonin schon einmal gegeben hat.

Die Frage ist nur: Lassen sich die leitenden M├Ąnner in unserer Kirche tats├Ąchlich jemals von Paulus  provozieren, wenn es um die Frauen und ihre Weihe geht???!!

ÔÇ×Phoebe ÔÇô die Dienerin der Gemeinde von Kenchre├ĄÔÇť ÔÇô so hei├čt es in unserem heutigen Lesungstext. Das ist eine v├Âllig falsche und auch eine v├Âllig irref├╝hrende ├ťbersetzung.

Phoebe ist Diakonin gewesen: Sie war wohl eine sehr reiche Frau und ist vermutlich mit ihrem Geld auch f├╝r die Armen und die  Benachteiligten in der Gemeinde zust├Ąndig gewesen. Und genau diese Aufgaben k├Ânnten auch in unserer Zeit die Diakoninnen ├╝bernehmen:

Es sind doch auch heute noch vor allem die Frauen, die in den Altenheimen, oder in Behinderteneinrichtungen oder bei der Pflege von Kranken und Sterbenden diakonische Dienste tun.

Und genau in diesen Berufen br├Ąuchte es in unserer Zeit von der Kirche geweihte und beauftragte Diakoninnen.  Diese Frauen k├Ânnten dann mit einer christlichen Haltung auf die Menschen zugehen. Sie k├Ânnten sie ahnen lassen, dass ihnen unser Gott nahe ist. Und: Die Diakoninnen k├Ânnten ihnen dann auch die Sakramente spenden.

Ich bin mir sicher:

So k├Ânnten viele Menschen in ganz unterschiedlichen sozialen Einrichtungen aufatmen ÔÇô das  w├Ąre ein wichtiger Dienst f├╝r unsere Gesellschaft, und die Kirche in unserem Land w├╝rde so wieder an Glaubw├╝rdigkeit gewinnen.   

Paulus ÔÇô du bist eine Provokation ÔÇô f├╝r uns alle, bis heute!

Der V├Âlkerapostel z├Ąhlt in seinem R├Âmerbrief noch andere Frauen auf, die in seinen Gemeinden einen wichtigen Dienst tun:

Priska ist zusammen mit ihrem Mann Aquila sogar Leiterin einer fr├╝hen christlichen Gemeinde gewesen, die sich zum Mahlfeiern in Erinnerung an Jesus getroffen hat.

ÔÇ×Gr├╝├čt auch die Gemeinde, die sich in ihrem Haus versammelt hat.ÔÇť ÔÇô

so hei├čt es w├Ârtlich in der heutigen Lesung.

Im Kolosserbrief erz├Ąhlt Paulus von einer weiteren Frau, die in Laodizea eine Hausgemeinde leitet: Sie hei├čt Nympha - und auch sie l├Ąsst Paulus gr├╝├čen ÔÇ×ÔÇŽund die Gemeinde in ihrem Haus.ÔÇť (Kol 4, 15)

Und in Philippi ist es Lydia, die Paulus  zur Leiterin einer Hausgemeinde macht. (Phil 4,2)

Der V├Âlkerapostel hat also bei seinen vielen Reisen immer wieder Hausgemeinden  gegr├╝ndet und dabei ganz viele M├Ąnner, aber eben auch Frauen als Verantwortliche eingesetzt. Die Theologin Elisabeth Sch├╝ssler-Fiorenza hat daf├╝r eine einleuchtende Erkl├Ąrung: Diese Frauen in der Zeit des Paulus hatten zwar oft viel Geld, sie haben aber politisch oder gesellschaftlich als Frauen ├╝berhaupt keinen Einfluss gehabt und auch kein Mitspracherecht. Das ist ganz offensichtlich in den Gemeinden des Paulus anders gewesen, weil er daf├╝r gesorgt hat, dass sich die Frauen nicht nur mit ihrem Geld, sondern auch mit ihren Begabungen und mit ihrer Verantwortung in seinen Gemeinden einbringen konnten.

Und das gilt auch f├╝r die Apostelin Junia. Auch sie  wird in unserem heutigen Lesungstext genannt.  Allerdings ist aus ihr im Laufe der Kirchengeschichte ein Mann geworden: Junias.

Was Paulus an Mitspracherecht und Leitungsverantwortung den Frauen in seinen Gemeinden zugetraut hat, das war ganz offensichtlich in sp├Ąteren Jahrhunderten f├╝r viele M├Ąnner eine Provokation. Und dann sind die provozierenden Texte nachtr├Ąglich korrigiert worden!

 

Paulus ÔÇô du bist immer eine Provokation gewesen, und du bleibst es vermutlich auch!

Ich nehme einmal an, dass zumindest manche von Ihnen, liebe Gemeindemitglieder, auch noch ganz andere Verse aus den Paulusbriefen kennen, die Sie bis heute provozieren.

Ich denke da an Aussagen wie:

ÔÇ×Der Mann darf sein Haupt nicht verh├╝llen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes.ÔÇť (1 Kor 11, 7)

Oder:

ÔÇ×Wie es in allen Gemeinden der Heiligen ├╝blich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen.ÔÇť (1 Kor 14, 33b)

Oder noch provozierender ist der Vers:

ÔÇ×Ihr Frauen, ordnet euch euren M├Ąnnern unter.ÔÇť (Eph 5, 22)

Wie passen solche Aussagen zu dem Mann, der den Frauen in seinen Gemeinden so viel zugetraut hat?

Norbert Baumert -  fr├╝her Professor f├╝r Neues Testament in St. Georgen sagt es so:

ÔÇ×Auf jeden Fall will Paulus hier nicht eine grunds├Ątzliche Emanzipationsbestrebung grunds├Ątzlich in die Schranke weisen, sondern dazu Stellung nehmen, dass einige Frauen aufgrund der neuen Freiheit nun ├╝ber das Ziel hinausschie├čen.ÔÇť

( aus: Norbert Baumert, Frau und Mann bei Paulus, Echter 1992, Seite 180)

Und jetzt mit meinen Worten:

Auch Frauen in Macht- und in Leitungspositionen sind keine Heiligen.

Und aus welchem Grund haben dann die M├Ąnner in unserer Kirche bei Hochzeiten immer und immer wieder genau diese Verse gew├Ąhlt, die Frauen dem├╝tigen?? Da w├╝rde ich doch lieber Verse aus dem

Galaterbrief nehmen, die viel befreiender sind. Paulus schreibt da n├Ąmlich:

Es gibt f├╝r ihn ÔÇô und jetzt w├Ârtlich -

ÔÇ×ÔÇŽnicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid eins in Christus Jesus.ÔÇť (Gal 3, 28)

Das ist f├╝r mich pers├Ânlich ├╝brigens die gro├čartigste Provokation des Paulus in allen seinen Briefen.

 

Liebe Gemeinde,

ich w├╝nsche Ihnen allen, dass Sie in Ihrem Leben Paulus als Provokation entdecken ÔÇô als eine Provokation, die Sie befreit und zu selbstbewussten Zeuginnen und Zeugen f├╝r den Mann aus Nazareth macht.

Und unseren leitenden M├Ąnnern in der Kirche w├╝nsche ich, dass sie sich endlich von Paulus provozieren lassen und dass sie ihre Angst verlieren, wenn es um die  Freiheit in unserer Kirche geht und um die Rolle von uns Frauen. Deshalb sage ich jetzt zum Schluss  ÔÇô ganz im Sinne des Paulus und ganz im Sinne der ÔÇ×Apostolischen KonstitutionenÔÇť:

ÔÇ×Du, Bischof, leg ihr die H├Ąnde auf.ÔÇť Aber tu es jetzt ÔÇô und nicht erst in 100 Jahren!

Amen.

 

┬ę A. B├Âhm, 2016

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.