Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

PfarrbĂĽro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
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Meditationen als Unterbrechung der Passion

Meditation 1: Verraten (Symbol: Silbergeld)

Warum? Warum hat Judas das getan? Er, der zum Zwölferkreis gehört. Er, der die Kasse der Jünger verwaltet hat. Er, der zu den engsten Vertrauten Jesu zählt. Was ist aus ihm geworden? Kranke werden gesund, Schuldige erhalten eine neue Chance, Ausgegrenzte bekommen wieder Ansehen, Hungernden wird weit mehr als Brot geschenkt, Sinn-Sucher werden fündig im Evangelium… Judas hat all das hautnah miterlebt, hat den Anbruch dieser neuen Zeit erfahren, wird selbst Zeuge dieses Reiches Gottes. Und jetzt?

30 Silberstücke sollen sie ihm gegeben haben. Eine Menge Geld. Damals hätte man sich dafür einen Esel kaufen können. Heute wären es etwa 10 000 €, für die man einen neuen Kleinwagen bekommt.

„Gott und Gold – wieviel ist genug?“ haben wir uns in dieser Fastenzeit gefragt. Für Judas scheint Geld wichtiger zu sein als das Leben Jesu. Seine Freundschaft, sein Vertrauen zu Jesus – er hat sie verkauft, eingetauscht gegen den Mammon.

Armselig, traurig, ja bemitleidenswert hat Judas gehandelt. Und seine Gier hat tödliche Folgen: Sie liefert Jesus seinen Feinden aus. Und die Gewissensbisse seiner Schuld treiben auch ihn selbst in den Tod.

Was fĂĽr ein Irrtum! Zu glauben, alles wäre zu kaufen und mit Geld zu machen. Und doch: Mit Geld werden Entscheidungen beeinflusst und Menschen „gekauft“. Nicht nur in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Auch hier bei uns. Korruption und die „Religion des Geldes“ – sie bestimmen und verderben viele Bereiche unseres Lebens. Und es bleibt die Frage: „Gott und Gold – wieviel ist genug?“             

 

Meditation 2: Verleugnet (Symbol: Maske)

Das Signal ertönt. Der Hahnenschrei zeigt Petrus an: „Auf frischer Tat ertappt.“ Dabei erwischt, wie er Jesus verleugnet. Nicht nur einmal, auch nicht zweimal, sondern gleich dreimal.

Noch vor Kurzem groß getönt: „Mein Leben will ich für dich hingeben“. Auch sonst einer, der keine Scheu hat, groß und mutig daher zu reden. Aus dem Kreis der Jünger herausragt. Und jetzt, Petrus? Einer, der sich versteckt hinter der Maske der Unwissenheit.

Eine Maske, durch die ihr vorgibt, jemand zu sein, der er doch in Wirklichkeit gar nicht ist.

Eine Maske, die ihn zum LĂĽgner macht.

Eine Maske, die ihn von Jesus und seinen Anhängern trennt.

Eine Maske, durch die ihr seiner eigenen bisherigen LebensĂĽber-zeugung fremd geworden ist. Und wie ist es mit unseren Masken?

Unsere Unsicherheit zu verstecken hinter vorgespielter Stärke?

Unsere Fehler zu vertuschen hinter Schönfärberei und Ablenkungs-manöver?

Unsere Traurigkeit oder persönliche Verletzung zu überspielen durch ein aufgesetztes Lächeln oder eine einstudierte Freundlichkeit?

Unsere persönlichen Sorgen und Probleme zu verbergen, indem wir sie verdrängen, verschweigen oder betäuben mit Tabletten oder Alkohol?

Petrus scheint seine Maske zunächst zu schützen. Später heißt es in der Bibel, dass er nach draußen ging und bitterlich weinte.

Zu Beginn der Fastenzeit werden die Masken der Fasnet abgelegt. Ein Zeichen, eine Ermutigung, es auch im wirklichen Leben immer wieder zu probieren.

 

Meditation 3: Verspottet (Symbol: Dornenkrone)

Haben sie schon einmal eine Ohrfeige erhalten? Und erinnern sie sich noch an ihre letzte Ohrfeige? An den Schlag ins eigene Gesicht? Den pfetzenden Schmerz?  Das Rot-Anlaufen? Und wie beschämt, wie traurig, vielleicht auch wĂĽtend man innerlich ist? Wie demĂĽtigend so eine Ohrfeige sein kann, v.a. wenn man sie vor anderen einstecken muss?

Jesus hat nicht nur eine Ohrfeige erlitten. Er ist seinen Peinigern ausgeliefert. Schläge und SprĂĽche, Folter und Spott – das muss Jesus jetzt aushalten. FĂĽr uns heute nur noch schwer vorstellbar. Unmenschlichkeit in grausamer Perfektion: eine Dornenkrone, die sich in die Kopfhaut bohrt. Mit Metall bestĂĽckte LedergeiĂźeln, die die Haut fĂĽrchterlich verletzen. Soldaten, die aufgehört haben, Menschen zu sein. Sich sogar berauschen am Quälen anderer. Ein Volk, dass Barrabas den StraĂźenräuber Jesus fĂĽr eine mögliche Freilassung vorzieht. Und ein Statthalter namens Pilatus, der aus Angst um seine eigene Position v.a. das tut, was die aufgebrachte Meute in ihrem Hass  fordert.

Andere fertig machen, Spott und Hohn - das gibt es auch heute.

Spott und Hohn durch Mobbing im Klassenzimmer, am Arbeitsplatz oder im Internet. Spott und Hohn durch Tratsch und dummes Geschwätz über andere. Spott und Hohn durch wüste Beschimpfungen oder Beleidigungen, die uns im Streit rausrutschen und die wir nicht zurücknehmen. Spott und Hohn durch Vorurteile und Intoleranz.

 

Meditation 4: Gekreuzigt (Symbol: Holzblock mit Riesennägeln)

Ans Kreuz geheftet, neben Verbrechern. Abgekämpft, völlig ausgemergelt, hängt er da. Den Kopf geneigt, den Geist ausgehaucht, der Tortur erlegen: Jesus ist gestorben. Alle Angst, aller Spott, alle Gehässigkeiten, alle Schläge, alle Schmerzen, alle Demütigungen, die ganze Verzweiflung – sie liegen jetzt hinter ihm.

Wahnsinn! Wahnsinn, zu was Menschen in der Lage sind.

Und Wahnsinn, wie weit Gott fĂĽr uns zu gehen bereit ist. Der Tod Jesu am Kreuz bringt beides auf den Punkt.

Vorbei die alttestamentliche Überzeugung, dass geschundene Menschen wie Jesus von Gott Verfluchte seien, denen es aufgrund ihrer früherer Sünden so geht und denen es womöglich ganz recht geschieht.

Vorbei der Glaube mancher Philosophen, die meinen, dass Gott in seiner Allmacht, Ewigkeit und Herrlichkeit niemals so leiden und daher kommen könnte, wie er es in diesem Jesus tut. Vorbei auch die naive Einstellung, dass gläubige Menschen gut durchs Leben kommen und nie der Versuchung erliegen, an ihrem Glauben ernsthaft zu zweifeln oder Gott in ihrem Leben einfach nicht mehr spüren.

Am Kreuz geht kein Weg vorbei. Nicht im Leben Jesu. Nicht in unserem Reden von Gott. Nicht im Leben der Menschen, die bildhaft gesprochen das Kreuz, die Last einer Krankheit, der Einsamkeit, der Armut, der Ratlosigkeit, des Zweifels, des Versagens, der Schuld oder ein anders Kreuz tragen. Im Kreuz, so glauben Christen, ist dieser Gott ein für allemal zum „Ich-bin-da“, zum „Gott mit uns“ für Menschen geworden.

© B. Held, 2015

 

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