Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

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Karfreitag

Predigt am Karfreitag 2014 als Unterbrechung der Passion – „Menschliches, all zu Menschliches“

I         Voller Neid und Stolz

(nach: „….warum schlägst du mich?“)

Voller Neid und Stolz verraten sie Jesus:

-      die Menschen, die sich als seine treuesten Gefolgsleute ausgeben

-      die Männer und Frauen, denen Jesus sein Leben lang vertraut hat

-      die JĂĽngerinnen und JĂĽnger, die voller Neid und Eifersucht nicht ertragen können, dass Jesus eine so unglaubliche Ausstrahlung hat und sie selber eben nicht

Voller Neid und Stolz verraten sie Jesus:

-      weil sie selber dann plötzlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen

-      weil sie so alle Schuld auf ihn schieben können und dann ihre eigenen Schwächen nicht sehen mĂĽssen

-      weil jetzt plötzlich sie die Mächtigen – oder Allmächtigen sind – und Jesus demĂĽtigen können

Menschen handeln voller Neid und Stolz – damals, genauso wie heute.

Und solches „Menschliches, all zu Menschliches“  Handeln fĂĽhrt zum Tod: Zum Tod von Beziehungen und GefĂĽhlen – zum Tod von Menschen: Damals, genauso wie heute.

 

Gedanken dazu von Dietrich Bonhoeffer:

„Stolz vor Gott ist die Wurzel allen Ungehorsams, aller Gewalttat, aller Leichtfertigkeit. …. Der Karfreitag ist nicht das Dunkel, das dem Licht unbedingt weichen muss. Es ist der Tag, an dem der Mensch gewordene Gott, die Person gewordene Liebe umgebracht wird von den Menschen, die zu Göttern werden wollen.“

(aus: D.Bonhoeffer, Worte fĂĽr jeden Tag, S.46 und S.37)

 

II        Voller Zorn und Hass

(nach:“…kreuzige ihn!“)

Voller Zorn und Hass wollen sie Jesus leiden sehen:

-      deshalb wird er zum Verbrecher erklärt

-      deshalb misshandeln sie ihn

-      deshalb nehmen sie ihm nicht nur seine Kleider sondern seine WĂĽrde

Voller bösem Zorn und abgrundtiefem Hass stimmen Viele in das Grölen ein: „Kreuzige ihn!“

-      sie lassen sich anstecken von der brĂĽllenden Menschenmenge

-      sie hören auf, selber zu denken

-      sie wollen ihren GefĂĽhlen keine Grenzen mehr setzen

Menschen handeln voller Zorn und Hass – damals, genauso wie heute.

Und solches „Menschliches – all zu Menschliches“ Handeln führt zum Tod: Zum Tod von Beziehungen, von Gefühlen – zum Tod von Menschen: Damals, genauso wie heute.

 

Gedanken dazu von Helder Camara:

„Durchbrich deinen Panzer aus Egoismus. …Der Egoismus ist die letzte Wurzel allen Unglücks, vom persönlichen bis zum weltweiten. … Der Schöpfer …hat den Menschen … zum Mit-Schöpfer bestellt, zum Teilhaber an seiner göttlichen Intelligenz und seiner schöpferischen Macht, mit dem Auftrag, die Natur zu zähmen und die Schöpfung zu vollenden. Was die Intelligenz betrifft, so hat der Mensch seine Rolle als Mit-Schöpfer schon immer wahrgenommen; er hat schon immer den Wagemut und die Demut Gottes honoriert, der das Geschöpf auf eine göttliche Ebene gehoben hat. … Was aber den Egoismus betrifft, wie primitiv, rückständig und lächerlich erweist sich da dieser armselige Mitschöpfer! … Es ist unglaublich, aber der Mensch bedarf der Vermenschlichung.

(aus: Helder Camara, Hoffen wider alle Hoffnung, S. 97 bis 99)

 

III       Voller Feigheit und LĂĽgen

(nach:“…denn den Kaiser.“)

Voller Feigheit und LĂĽgen bringen sie Jesus ans Kreuz:

-      weil sie den Machthabern einreden, Jesus sei ein politischer Rebell

-      weil sie seine Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes unter uns Menschen ganz bewusst  als politische Machtansage verdrehen

-      weil sie nicht aushalten, wie frei und souverän er mit den „menschlichen und all zu menschlichen“  religiösen Vorschriften seiner Zeit umgeht

Voller Feigheit und LĂĽgen bringen sie Jesus ans Kreuz.

-      mit ihrem fehlenden Mut, sich ehrlich und direkt mit ihm selber auseinanderzusetzen

-      mit ihrer Gier nach der Sensation

-      mit ihrer Lust, Gewalt mit ihren eigenen Augen zu sehen

Menschen handeln voller Feigheit und LĂĽgen – damals, genauso wie heute. Und solches „Menschliches – all zu Menschliches“ Handeln fĂĽhrt zum Tod: Zum Tod von Beziehungen, von GefĂĽhlen – zum Tod von Menschen: Damals,  genauso wie heute.

 

Gedanken des Dalai Lama:

„Ich behaupte, dass jede Religion dieser Erde – Buddhismus, Christentum, Konfuzianismus, Hinduismus, Islam, Jainismus, Sikhismus, Taoismus, Zoroastrismus – ähnliche Ideale der Liebe  vertritt, dass alle dasselbe Ziel haben, der Menschlichkeit  durch spirituelle Praxis zu nutzen, und dass sie dieselbe Wirkung haben, indem sie ihre Anhänger zu besseren Menschen machen. Alle Religionen lehren moralische Grundsätze, um die Funktionen von Geist, Körper und Rede  zu vervollkommnen. Alle lehren uns, nicht zu lĂĽgen oder zu stehlen oder anderen nicht das Leben zu nehmen. …Das gemeinsame Ziel aller moralischen Grundsätze, die von den groĂźen Lehrern der Menschheit niedergelegt wurden, ist Selbstlosigkeit.“

(aus: Dalai Lama, Kleines Buch der Weisheit, S. 93)

 

IV      Voller Vertrauen und Liebe

(nach: „neigte das Haupt und verschied.“)

Voller Vertrauen und voller Liebe – so begegnet Jesus dem Tod:

-      er fĂĽhlt noch im Sterben mit seiner verzweifelten Mutter

-      er spricht noch im Sterben tröstende Worte

-      er lässt noch im Sterben die Menschen seine göttlichen Kräfte spĂĽren

Jesus ist voller Vertrauen und voller Liebe in unserer Welt – damals, genauso wie heute.

Und diese Liebe lässt das „Menschliche und all zu Menschliche“ auf unserer Erde, sie eröffnet aber eine ganz andere – eine himmlische Weite: Damals, genauso wie heute. Und die trennende Mauer zwischen uns Menschen und unserem Gott fällt: Damals und für immer.

 

Gedanken von Thomas Herkert:

„Du bist tot. Du Göttlicher! … Deine Leidensgeschichte verbindet dich mit der nicht enden wollenden Leidensgeschichte unserer Welt von Herodes bis Ausschwitz und darĂĽber hinaus; von den Slums unserer Metropolen bis in die FlĂĽchtlingslager Afrikas. Du stirbst unsere Tode, den gewaltsamen Tod eines ungeliebten Kindes genauso wie das unbemerkte Verblassen in unseren Krankenhäusern und Altersheimen. … Du bist tot! Du Göttlicher! … Ich spĂĽre, dass meine Klage mich nicht verlassen wird. Aber weil ich dich, Jesus, sterben sah, werde ich nach dieser Stunde anders klagen als vorher. Und auch wenn ich weiterhin und mit Recht mein Leid und das dieser Welt aussprechen, hinausschreien und Gott entgegenhalten werde – wie auch du das getan hast -  dann doch nicht  mehr mit dem impliziten Vorwurf: „Du, Gott, weiĂźt ja nicht, wie das ist!“ … Du hast unser Leben gelebt, du Göttlicher, du bist solidarisch in deinem Leiden und du teilst unseren Tod. Ganz … Und fĂĽr einen Augenblick hält die Schöpfung den Atem an.“

( aus: Ursula Schauber, Gegen die Schwerkraft des Todes, S. 80 und 81)

 

Den Text als pdf finden Sie hier.