Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

Pfarrb√ľro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
Schwalbenweg 5
88213 Ravensburg

Tel. 0751-7912430
Fax 0751-7912440
E-Mail: Info-Dreifaltigkeit.RV@drs.de

 

 

4. Fastensonntag: Gula

Lesung: Eph 5, 8-14

Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht geworden. Lebt als Kinder des Lichts!
Das Licht bringt lauter G√ľte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor.
Pr√ľft, was dem Herrn gef√§llt, und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, sondern deckt sie auf!
Denn man muss sich schämen, von dem, was sie heimlich tun, auch nur zu reden.
Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet.
Alles Erleuchtete aber ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein.

 

Evangelium: Lk 21, 33-38

Jesus sagte zu den Menschen:
Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.
Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren und dass jener Tag euch nicht pl√∂tzlich √ľberrascht, (so) wie (man in) eine Falle (ger√§t); denn er wird √ľber alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.
Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.
Tags√ľber lehrte Jesus im Tempel; abends aber ging er zum √Ėlberg hinaus und verbrachte dort die Nacht.
Schon fr√ľh am Morgen kam das ganze Volk zu ihm in den Tempel, um ihn zu h√∂ren.

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

wer in diesen Tagen Zeitschriften aufschl√§gt oder im Internet surft, der entdeckt fast √ľberall neue Di√§t-Programme, die garantiert wirken sollen. Man erf√§hrt, was gerade Mode ist, welche Farben im Trend liegen. Manche lassen sich davon anstecken und gehen in das n√§chste Modehaus.

(Maßband zur Hand)

Was Verkäufer dort brauchen, ist oftmals auch das hier: ein Maßband, um die genaue Kleidergröße heraus zu finden. Denn nur wer das eigene Maß kennt, findet auch die Größe, die zum ihm passt.

Um das Ma√ü, v.a. um die Ma√ülosigkeit, die ‚ÄěV√∂llerei‚Äú, dreht sich heute die Predigt. Am vierten Fastensonntag gehen wir gemeinsam wieder einen Schritt weiter in unserer Predigtreihe ‚ÄěMenschliches ‚Äď allzu Menschliches‚Äú.

(Maßband weg)

Wussten sie z.B., dass jeder 5. Jugendliche in Deutschland zwischen 11 und 17 Jahren an einer Essstörung leidet, also an Magersucht oder umgekehrt an regelrechten Ess-Attacken?

Haben sie schon davon geh√∂rt, dass in Deutschland 11 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr auf dem M√ľll landen, es aber Tausende von Menschen gibt, die ihr Essen aus M√ľlleimern zusammenlesen?

Oder ist ihnen bewusst, dass die 85 reichsten Menschen der Welt so viel Vermögen besitzen wie die arme Hälfte der Weltbevölkerung, also Milliarden von Menschen?

Es g√§be noch viele solcher Beispiele, die uns nachdenklich stimmen. Sie haben etwas gemeinsam: N√§mlich, dass da etwas aus dem Lot geraten ist. Dass das Ma√ü nicht mehr stimmt. Dass Extreme die Wirklichkeit ausmachen. Und so verwundert es nicht, dass im Katalog der 7 Tods√ľnden auch die sog. ‚ÄěV√∂llerei‚Äú vorkommt. V√∂llerei, oder lateinisch ‚Äěgula‚Äú, ist gleichbedeutend mit Fresssucht, Schwelgerei, Ausschweifung. V√∂llerei bezieht sich aber nicht nur auf Essen und Trinken. Es kann auch √ľberhaupt stehen f√ľr einen Lebensstil ohne Ma√ü und ohne Grenzen. Eine Ma√ülosigkeit, die das rechte Ma√ü, die gute Ordnung zerst√∂rt. Egal ob es um es eine vern√ľnftige Ern√§hrung oder die eigene Gesundheit geht. Oder um das gute Miteinander in unserer Gesellschaft.

 ‚ÄěNehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunksucht und die Sorgen des Alltags euch nicht verwirren.‚Äú fordert uns Jesus deshalb heute auf. In der Luther√ľbersetzung hei√üt es an der Stelle noch etwas deftiger: ‚ÄěH√ľtet euch aber, dass eure Herzen nicht beschwert werden mit Fressen und Saufen und mit t√§glichen Sorgen.‚Äú  

Jesus spricht diese deutlichen Worte, als er vom Kommen des Menschensohnes am Ende aller Tage erzählt. Im gleichen Zug fordert er außerdem, allezeit wachsam zu sein und zu beten. Dann ist da noch sein festes Versprechen, dass Himmel und Erde vergehen werden, seine Worte aber nicht.

Worum geht es Jesus hier? Bestimmt nicht in erster Linie um Gesundheitsratschl√§ge. Bestimmt auch nicht, den Menschen ein leckeres Essen zu verg√∂nnen oder sich satt essen zu d√ľrfen. Von anderen Bibelstellen wissen wir, dass Jesus selbst gerne gegessen hat und bei Menschen oft zu Gast gewesen ist. 

Aber bei ‚ÄěRausch und Trunksucht‚Äú, ‚Äěbeim Fressen und Saufen‚Äú nimmt sich der Mensch mehr, als ihm gut tut. Was ihm eigentlich das Leben erm√∂glichen und versch√∂nern soll, macht es dann immer mehr kaputt. Nicht nur k√∂rperlich, sondern auch geistig, seelisch, zwischenmenschlich.

Ich selber habe schon Menschen erlebt, die mit Alkohol gro√üe Schwierigkeiten hatten. Was h√§ufig kleingeredet, besch√∂nigt, womit zuweilen sogar angegeben wird, kann fatale Folgen haben. Da habe ich gesehen, wie Menschen sp√ľrbar abbauen, sich selber nicht mehr richtig im Griff haben; und wie das alles auch zur schweren Belastung wird f√ľr Familie und Freunde. Aus ma√üvollem und sch√∂nem Genuss ist krankhafte Abh√§ngigkeit geworden. Eine Abh√§ngigkeit, die Menschen ihre innere Freiheit und W√ľrde nimmt. Eine Sucht, die es schwer macht, davon wieder los zu kommen.

Essen und Trinken sind aber nicht das einzige Beispiel f√ľr V√∂llerei heute. Ma√ülosigkeit, suchtartiges Verhalten finden wir auch in vielen anderen Lebensbereichen. Da sind die sog. ‚ÄěWorkaholics‚Äú, die von ihrer Arbeit nicht mehr lassen k√∂nnen und sich dabei treiben lassen von einem ungesunden Perfektionismus. ‚ÄěBurnout‚Äú h√§tte nicht Hochkonjunktur in allen Krankenkassen und Gesundheitsprogrammen, wenn in unserer Arbeitswelt nicht manches √ľbertrieben und ma√ülos geworden w√§re.

Oder man denke an die Internets√ľchtigen ‚Äď und das ist kein Witz ‚Äď die sich fast mehr im virtuellen Raum aufhalten als in der realen Welt und nicht merken, wie der Kontakt zu ihrem Mitmenschen immer mehr verk√ľmmert. Man k√∂nnte vielleicht von ‚ÄěComputer- oder Cyber-V√∂llerei‚Äú sprechen.

(Maßband zur Hand)

Liebe Mitchristen/innen

um nicht ma√ülos zu werden, brauchen Menschen ein Ma√ü, einen ‚ÄěMa√üstab‚Äú. Etwas, woran sie sich orientieren, in der Not auch festhalten k√∂nnen.

Christen/innen sind fest davon √ľberzeugt, dass Jesus dieses ‚ÄěMa√ü‚Äú, dieser Ma√üstab ist.

(Maßband weg)

Er vertraut in seinem Leben konsequent und fest auf seinen himmlischen Vater. Der lebendige Draht nach oben, dieses ‚ÄěWachen und Beten‚Äú, von dem heute im Evangelium die Rede ist, h√§lt ihn auf dem rechten Kurs. Stellt sein Leben auf eine stabile Basis. Bewahrt ihn, sich zu verlieren in den vielen Verlockungen und Sorgen des Alltags. Die Beziehung zu Gott und zu den Bed√ľrftigen seiner Zeit l√§sst ihn sensibel bleiben f√ľr das wirklich Wichtige. Beispiele daf√ľr gibt es im Leben Jesu viele:

 Z.B. wie er mit Kranken, Au√üenseitern oder S√ľndern umgeht. Z.B.  wie er mit den Pharis√§ern und Schriftgelehrten leidenschaftlich um den Willen Gottes streitet und ringt. Beispielsweise, wie wichtig ihm das Beten ist und wie zuweilen kompromisslos er sich stark macht f√ľr das Reich Gottes. Nicht zuletzt auch, wie Jesus all das, von dem er redet auch selber lebt.

Liebe Mitchristen/innen,

ich m√∂chte schlie√üen mit einem Zitat von Anselm Gr√ľn. Er fasst es so zusammen: ‚ÄěDabei ist es nicht die Ma√ülosigkeit, alles haben zu wollen und zu k√∂nnen, die uns gl√ľcklich macht, sondern das Genie√üen. Genuss ist mit viel weniger m√∂glich. Ma√ülosigkeit aber ist Ausdruck von Beziehungslosigkeit ‚Äď zu sich selbst, zu anderen, zu Dingen, zu Gott.‚Äú

Amen.

@ B. Held, 2014

Hier finden Sie die Predigt im pdf-Format.