Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

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2. Fastensonntag: Ich war nackt

Lesung: 2 Chr 28, 14+15

Daraufhin gaben die bewaffneten Krieger in Gegenwart der Obersten und der ganzen Versammlung die Gefangenen und die Beute frei.
Männer, die namentlich dazu bestimmt waren, gingen hin und nahmen sich der Gefangenen an. Sie bekleideten alle, die nackt waren, aus der Beute und versahen sie mit Gewändern und Schuhen. Sie gaben ihnen zu essen und zu trinken, salbten die Schwachen unter ihnen und setzten sie auf Esel. So brachten sie die Gefangenen in die Palmenstadt Jericho in die Nähe ihrer Stammesbrüder. Sie selbst kehrten nach Samaria zurück

 

Evangelium: Mt 8, 1-3

Als Jesus von dem Berg herabstieg, folgten ihm viele Menschen.
Da kam ein Aussätziger, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde.
Jesus streckte die Hand aus, berĂĽhrte ihn und sagte: Ich will es werde rein!
Im gleichen Augenblick wurde der Aussätzige rein.

 

Predigt

Liebe Gemeinde!

Haben Sie auch so einen Sack {fĂĽr die Altkleidersammlung der Aktion Hoffnung} erhalten und ihn gestern gefĂĽllt vor die TĂĽr gestellt?
Mit der „Aktion Hoffnung“ bietet sich die Gelegenheit, quasi zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: der eigene Kleiderschrank wird entrümpelt, und gleichzeitig tut man damit noch etwas Gutes – ganz im Sinne Jesu, wie es im Matthäusevangelium heißt: „Ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben.“

Auch auf unserem Hungertuch des afrikanischen Künstlers Sokey Edorh finden wir Szenen, die daran anknüpfen – sogar mehrere: zum einen rechts ganz oben. Da kommen Fremde ins Land, Flüchtlinge, Namen- und Gesichtslose. In kleinen Booten kommen sie übers Meer – und die im Wasser treibenden Rettungsringe erinnern daran, dass die Flucht qualvoll ist – und dass diese Flucht nicht allen gelingt. Diejenigen, die es geschafft haben, konnten, wie man so sagt, „nichts als die nackte Haut retten“.

Ein weiterer Bildabschnitt passt zur heutigen Lesung – haben Sie sie noch im Ohr? Da war von Gefangenen die Rede, Gefangenen, die freigelassen werden sollen und zuvor noch versorgt werden; unter anderem mit Kleidung. Daran erinnert der Mann am linken Bildrand in mittlerer Höhe. Er sitzt hinter Gittern; nur spärlich bekleidet.

Und links neben der übergroßen Frau im Vordergrund finden wir einen traditionellen Kente-Weber abgebildet. Kente ist ein feiner Stoff, der früher nur von Königen getragen werden durfte. Die Webtechnik war ein eifersüchtig gehütetes Geheimnis. Allen anderen Webern war es verboten, Muster und Entwürfe zu verwenden, die ausschließlich für den König und den Königshof bestimmt waren. Jedes Muster hat einen eigenen Namen und steht für ein Sprichwort oder ein Ereignis. Diese Webtechnik findet sich bei den Völkern der Ashanti und der Ewe in Ghana und Togo, wo der Künstler des Hungertuchs inzwischen lebt.

Unser Bildabschnitt auf dem Hungertuch weist darauf hin, dass sich die Menschen in Togo zunehmend auf ihre eigenen Traditionen besinnen und ihre Kleidung selber herstellen. Das schafft Arbeitsplätze und ermöglicht erste Ansätze, eine eigene kleine Industrie aufzubauen.

Und deshalb gilt es übrigens aufmerksam zu sein mit unseren guten Taten in Sachen Altkleidersammlung. Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, was auf dieser Tüte steht: „für sorgfältig geprüfte Projekte der Mission und der Entwicklungsförderung“. Solche Projekte stellen sicher, dass guterhaltene Kleiderspenden tatsächlich an Bedürftige, an Menschen in Notsituationen, verteilt werden, nicht aber, dass diese Kleidung nach Afrika exportiert und dann dort auf Basaren billig verkauft wird. Man glaubt es kaum: Dieser Handel mit Altkleidern hat sich in Afrika zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelt; einem Wirtschaftszweig, der sich aber nachteilig auf die einheimische Textilindustrie auswirkt. Hier sind wir aufgefordert, genau zu prüfen, wen wir unterstützen.

Aber grundsätzlich gilt: einem nackten, unbekleideten Menschen Kleidung zu verschaffen und ihm damit auch seine Würde zurückzugeben, das war und ist gutes christliches Tun und Handeln.

Doch es gibt noch eine andere Form von Nacktheit.

Vielleicht hatten Sie schon einmal einen Albtraum folgender Art: Sie befinden sich inmitten einer großen Menschenmenge – alle schauen Sie an – und Sie haben keinen Faden am Leib – sie sind splitterfasernackt! Eine Situation, die sich so garantiert niemand wünscht - wie überaus peinlich! Gut, dass es nur ein Albtraum ist!

Die Traumforschung deutet solche Träume übrigens dahingehend, dass der oder die Träumende Angst davor hat, sich eine Blöße zu geben oder „bloßgestellt zu werden“.

In unsere Zeit werden wir zunehmend „öffentliche Personen“. Wer  heutzutage etwas ĂĽber einen anderen Menschen erfahren möchte, braucht seine Wohnung nicht mehr zu verlassen: er setzt sich einfach an den Computer und gibt bei einer Suchmaschine, z.B. dem allseits bekannte „Google“, den Namen der gesuchten Person ein. Und schwuppdiwupp findet sich so allerlei – von Telefonnummer und Anschrift ĂĽber die Erfolge im Sportverein bis hin zu Fotos mit dem oder der Betreffenden.

Übrigens lesen auch Personalchefs heutzutage nicht nur die Bewerbungsschreiben, sondern schauen schon auch mal ins Internet, was sich da so über den potentiellen Mitarbeiter bzw. die potentielle Mitarbeiterin erfahren lässt.

So genannte „soziale Netzwerke“, wie Facebook, SchĂĽler- oder Studi-VZ, sozusagen „Gemeinschaften im Internet“, tun ihr ĂĽbriges dazu, Menschen  bekannt zu machen.

Dagegen ist zunächst einmal nichts einzuwenden - wenn das, was auf diese Art und Weise öffentlich gemacht wurde, mit der Zustimmung des oder der Betreffenden erfolgt:

[Es gibt ja sogar Menschen, die mit Twitter, einer Art öffentlichem Echtzeit-Tagebuch, mehr oder minder ständig ihre Mitmenschen darüber informieren, wo sie sich befinden, was sie gerade tun oder was sie beschäftigt; à la „Ich sitze gerade auf dem Sofa und trinke ein Glas Rotwein.“]

Aber immer häufiger erscheinen Dinge im Internet, die die Betroffenen so nicht öffentlich wissen wollen. Da wird Privates und Intimes ausgebreitet, bis hin zu Gerüchten und gezielten Verleumdungen – Mobbing mit Erfolgsgarantie, denn was einmal im Internet veröffentlicht wurde, lässt sich praktisch nicht mehr unbekannt machen.

[Wobei wir mit diesem Problem gar nicht bis zu den modernsten Kommunikationsmedien gehen müssen: Sie werden sich alle an den tragischen Tod von Lady Diana im Jahr 1997 erinnern: auf der Flucht vor den Fotografen, die ihr Leben auf Schritt und Tritt verfolgten, die ihr gesamtes Tun und Handeln öffentlich bloßstellten, raste ihr Chauffeur gegen einen Tunnelpfeiler.

Und wir müssen auch gar nicht bis zu den gekrönten Häuptern schauen: so nahm sich im Jahr 2007 der damalige Karlsruher Landrat das Leben. Er war wegen einer an sich relativ banalen Affäre öffentlich angeprangert worden. Diese Blöße konnte und wollte er sich nicht geben. „Die Gesetze der Politik und der veröffentlichten Meinung sind gnadenlos geworden. Du konntest sie nicht mehr ertragen.“ – so stand es in einer seiner Todesanzeigen.]

Im Mittelpunkt negativer öffentlicher Aufmerksamkeit zu stehen, quasi nackt, der- oder diejenige zu sein, auf den oder die alle mit dem Finger zeigen – wer kann und will das aushalten? Gleiches gilt auch für die Variante, derjenige zu sein, den alle kennen, über den man durchaus spricht, mit dem aber keiner etwas zu tun haben will, der regelrecht gemieden wird – das ist auch nicht leichter.

Und genau so eine Situation begegnet uns im heutigen Evangelium:

Ein Aussätziger geht auf Jesus zu und fleht ihn um Heilung an.

Zu biblischen Zeiten war „Aussatz“ eine Sammelbezeichnung für verschiedene Hautkrankheiten, zu denen als bekannteste die Lepra gehörte. Menschen mit dieser Krankheit wurden aus der Gemeinschaft ausgestoßen – wegen der Ansteckungsgefahr und aus religiösen Gründen, denn sie galten als unrein vor Gott. Im dritten Buch Mose finden sich genaue Anweisungen, wie Aussätzige sich zu verhalten haben: Der Aussätzige musste eingerissene Kleider tragen, das Kopfhaar ungepflegt lassen, den Bart verhüllen und „unrein! unrein!“ ausrufen, wenn er ihn die Nähe von Menschen kam, damit man ihn schon von weitem erkennen und ihm ausweichen konnte. Die Aussätzigen mussten auch abgesondert wohnen; getrennt von Familie und Freunden.

Ein Aussätziger war also genau so ein Mensch, den alle kennen, über den man durchaus spricht, mit dem aber keiner etwas zu tun haben will, der gemieden wird, auf den man mit dem Finger zeigt.

Doch der Aussätzige im heutigen Evangelium missachtet alle religiösen Gebote hinsichtlich seiner Krankheit. Und auch Jesus selbst verstößt gegen die religiösen Vorschriften, denn er macht sich mit der Berührung des Aussätzigen selber unrein. Jesus stellt sich also auf die Seite dessen, der vor den Augen seiner Umwelt schutzlos, quasi nackt, dasteht, ja noch mehr: Jesus berührt ihn! Der Aussätzige darf erfahren, dass Jesus ihn ganz und gar annimmt. Indem der Aussätzige darum bittet, „rein“ werden zu dürfen, bittet er ja auch um mehr als ausschließlich um physischer Gesundheit: in dem Begriff „rein“ schwingt ja zur Zeit Jesu immer auch diese religiöse Komponente mit. Wer „rein“ ist vor Gott ist nicht nur körperlich, sondern auch seelisch gesund oder gesundet – Krankheit galt als Strafe für Sünde, und so hat der „rein gewordene“ umfassende Heilung erfahren an Leib und Seele und seine individuelle Menschenwürde zurück erhalten.

Liebe Gemeinde,

Aussatz ist heutzutage zumindest in Europa kein brennendes medizinisches Problem mehr. Wegen dieser Krankheit muss sich hier bei uns niemand gezeichnet und bloĂźgestellt fĂĽhlen.

Aber bei uns fühlen sich zahlreiche Menschen wie in einem Albtraum – nackt und schutzlos, entblößt vor aller Öffentlichkeit. Sie sind diejenigen, die bloßgestellt wurden und werden, auf die man verbal oder gar ganz real mit dem Finger zeigt. Oder sie gehören zu denjenigen, die man meidet, über die man spricht, mit denen man aber persönlich nichts zu tun haben möchte.

Wie der Aussätzige im heutigen Evangelium dürfen auch sie darauf vertrauen, dass sie bei Jesus Annahme und Heil, Heilung erfahren können.

Doch es darf nicht allein bei dieser Art von Trost und Hilfe bleiben. Als Zwischengesang haben wir gesungen: „Was ihr dem geringsten Menschen tut, das habt ihr mir getan“ – so endet genau jener Abschnitt aus der Bibel, auf welches sich unser Hungertuch und unsere Predigtreihe bezieht.

Diese Aufforderung gilt uns – auch wir sollen uns an die Seite der Menschen stellen, die öffentlich bloßgestellt werden oder von der Öffentlichkeit gemieden werden, die schutzlos dastehen. Wenn wir als Christinnen und Christen nach dem Vorbild Jesu und aus seinem Geist leben wollen, dann bedürfen gerade diejenigen, mit denen „man sich nicht abgibt“, unserer Solidarität und Unterstützung.

Beispiele fallen ihnen und mir sicher genug dazu ein – Aids-Kranke, ehemalige Strafgefangene, Homosexuelle, oder ganz einfach „der, der doch da damals – sie wissen schon…..“ 

Ich lade Sie ein, heute einmal nachzudenken; nachzudenken darüber, wer der- oder diejenige für Sie sein könnte, in dessen Namen Jesus sagen würde: „Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet.“

Amen.

© B. Vallendor, 2011

 

HIER finden sie die Predigt im pdf-Format.