Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

PfarrbĂŒro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
Schwalbenweg 5
88213 Ravensburg

Tel. 0751-7912430
Fax 0751-7912440
E-Mail: Info-Dreifaltigkeit.RV@drs.de

 

 

2. Advent

Lesung: 1 Sam 1, 20.24a.26a-28 – 2,11.18a – 3, 2-10

Hanna wurde schwanger. Als die Zeit abgelaufen war, gebar sie einen Sohn und nannte ihn Samuel, denn (sie sagte): Ich habe ihn vom Herrn erbeten. Als sie ihn entwöhnt hatte, brachte sie ihn zum Haus des Herrn in Schilo; der Knabe aber war damals noch sehr jung.Und Hanna sagte: Ich habe um diesen Knaben gebetet und der Herr hat mir die Bitte erfĂŒllt, die ich an ihn gerichtet habe. Darum lasse ich ihn auch vom Herrn zurĂŒckfordern. Er soll fĂŒr sein ganzes Leben ein vom Herrn ZurĂŒckgeforderter sein. Und sie beteten dort den Herrn an.
Darauf kehrte Elkana (mit Hanna) in sein Haus nach Rama zurĂŒck, der Knabe aber stand von da an im Dienst des Herrn unter der Aufsicht des Priesters Eli. Der junge Samuel aber versah den Dienst vor dem Angesicht des Herrn.Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz; seine Augen waren schwach geworden und er konnte nicht mehr sehen. Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich. Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen! Samuel kannte den Herrn noch nicht und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich (wieder) ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat (zu ihm) heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört.

 

Evangelium: Mk 1, 1-8

Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes:
Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg fĂŒr dich bahnen.
Eine Stimme ruft in der WĂŒste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!
So trat Johannes der TĂ€ufer in der WĂŒste auf und verkĂŒndigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der SĂŒnden.
Ganz JudĂ€a und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre SĂŒnden und ließen sich im Jordan von ihm taufen.
Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen GĂŒrtel um seine HĂŒften, und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.
Er verkĂŒndete: Nach mir kommt einer, der ist stĂ€rker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bĂŒcken, um ihm die Schuhe aufzuschnĂŒren.
Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.

 

Predigt:

Liebe im Advent versammelte Gemeinde,
„Götterkinder – Kinder Gottes“, so lautet der Titel unserer diesjĂ€hrigen Predigtreihe in der Advents- und Weihnachtszeit.
Wir wollen mit Ihnen einen Blick werfen in die Vergangenheit, und in den alten Mythologien die Bilder entdecken, die auch heute noch unseren Glauben prÀgen.
An vergangenen Sonntag hat uns Pfarrer HĂŒbschle von der Steinzeit bis zur Ă€gyptischen Mythologie gefĂŒhrt, wo Ramses II sich als Göttersohn auf eine Ebene mit den höchsten Göttern stellt.
Heute am 2. Advent sind wir beim „Volk Gottes“ angekommen, im Gebiet des heutigen Israel.
In der Lesung haben wir die Geschichte von Samuel gehört, wie er in den Tempel kommt, und, wie es heißt „von da an im Dienst des Herrn stand.“ Er schlief sogar im Tempel des Herrn vor der Bundeslade – man stelle es sich vor! Diesen Tempel dĂŒrfen wir uns allerdings noch nicht allzu groß und ĂŒppig vorstellen. Auch stand dieser Tempel in Schilo und nicht in Jerusalem.
Der große erste Tempel in Jerusalem wurde erst von Salomo, einem Sohn Davids, erbaut.
Und Samuel war ein Prophet, zeitweilen auch Richter, aber noch kein König in Israel.
Um einmal einen Bogen ĂŒber die Geschichte der ersten Könige Israels zu spannen:
Die Zeit, in welcher Samuel in den Tempel kam, war die so genannte „vorstaatliche Zeit“. Die Phase der Landnahme gilt als abgeschlossen, nun muss das Land gegen Ă€ußere Feinde gesichert werden. DafĂŒr sind die Richter, Ś©ŚÖ茀ְŚ˜ÖŽŚ™Ś, ĆĄofetĂźm zustĂ€ndig. Bei den Richtern unterscheidet die Forschung die kleinen von den großen Richtern. Es scheint so, als hĂ€tten die großen Richter als charismatische HeerfĂŒhrer gegen Israels Feinde gekĂ€mpft, die kleinen Richter gelten dagegen als tatsĂ€chliche Richter oder lokale FĂŒrsten (zitiert nach www. Bibelwissenschaft.de) .
Wie in der Bibel ĂŒberliefert wird, forderte aber das Volk nun einen König, wie ihn auch die benachbarten Völker hatten.
Daraufhin salbe Samuel in Gottes Auftrag Saul zum ersten König Israels.
ZunĂ€chst war Saul ein erfolgreicher Herrscher, dann aber handelte gegen Gottes  Befehle, woraufhin sich Gott von ihm abwandte und Samuel beauftragte, einen neuen König zu erwĂ€hlen.
Sie alle kennen die Geschichte, die dann folgt (und Sie sehen sie auch hier dargestellt): der kleine David, der junge Schafhirte, wird zum König gesalbt.
Wir befinden uns jetzt ĂŒbrigens in der Zeit ungefĂ€hr 1000 v. Chr..
Und wie Pfr. HĂŒbschle bereits letzten Sonntag erwĂ€hnt hat,  bekommt der neue König dann mit der Thronbesteigung ganz selbstverstĂ€ndlich den Titel eines „Sohnes Gottes“, weil er im Auftrag und im Namen seines göttlichen Vaters das Amt des Königs ĂŒbernommen hat. Seine Macht hat er ausschließlich von Gott. Er soll das Volk nach den Geboten Gottes regieren in Recht und Gerechtigkeit. So ein König ist der Messias, der Gesalbte Gottes.
In zwei der Psalmen, die auch David zugeschrieben werden - „Ein Psalm Davids“-, wird ebenfalls darauf verwiesen: So heißt es in Psalm 2, der ĂŒberschrieben ist „Der Herr und sein Gesalbter“: „Ich selbst habe meinen König eingesetzt“ und „Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt.“
In Psalm 110 – betitelt mit „Die Einsetzung des priesterlichen Königs auf dem Zion“ lesen wir noch: „Dein ist die Herrschaft am Tage deiner Macht, wenn du erscheinst in heiligem Schmuck; ich habe dich gezeugt noch vor dem Morgenstern.“
Kleine Hinweise, dass der König tatsĂ€chlich als mehr galt als eben „nur“ ein Regierungsoberhaupt, nĂ€mlich tatsĂ€chlich als ein Kind Gottes, wie es auch in den umliegenden Kulturen der Fall war.
Wobei der Begriff „Kind“ oder „Sohn“ nicht im Sinne eines bestimmten Alters oder Lebensabschnittes zu verstehen ist. Die Könige Israels waren Erwachsene, keine jungen Kindkönige; der Begriff „Kind“ oder „Sohn“  muss unbedingt als Ausdruck der Beziehung zu ihrem göttlichen Vater verstanden werden.
Und im Gegensatz zu den Gotteskinderkönigen anderer Kulturen war diese so benannte Beziehung nicht ausschließlich dazu gedacht, Macht und Herrschaft zu legitimieren.
„Die Gottessohnschaft ist in Israel kein Blanko-Scheck fĂŒr den König, sondern er bleibt der Weisung Gottes, der Thora, verpflichtet“ – so formuliert es Joachim KĂŒgler (KĂŒgler, S. 31 in „welt und umwelt der bibel 4/2010).
Somit ergibt sich also, wie gesagt, fĂŒr den König aus seiner Gottessohnschaft auch eine Verpflichtung, nĂ€mlich fĂŒr sein Volk zu sorgen und es den Weisungen Gottes gemĂ€ĂŸ zu regieren.
David selbst war König ĂŒber das grĂ¶ĂŸte Reich, das die Israeliten jemals hatten. Er galt als der Heilsbringer, weil er fast 40 Jahre lang dafĂŒr gesorgt hat, dass das Volk in Sicherheit leben konnte.

Die Könige Israels - Gotteskinder
Übrigens: nicht nur die Könige Israels, auch wir alle dĂŒrfen uns als  Gotteskinder bezeichnen. NatĂŒrlich kann man das zunĂ€chst metaphorisch verstehen – wenn wir Gott unseren Vater nennen, so ist die logische Schlussfolgerung, dass wir dann die Söhne und Töchter sind.
Aber ich spiele auf etwas anderes an: in der Taufe werden wir mit Chrisam gesalbt. Somit sind auch wir „Gesalbte“ und stehen in der Tradition der Könige, Priester und Propheten des Alten und des Neuen Bundes.
Liebe Gemeinde,
jetzt habe ich Ihnen einiges zum Königtum und zur Gotteskindschaft im alten Israel erzÀhlt.
Ich möchte aber noch einmal zurĂŒckkehren zu unseren heutigen Schrifttexten; zunĂ€chst zur Hauptperson unserer heutigen Lesung – Samuel.
Samuel war, wie gesagt, kein König. Er war Priester, auch Richter, und ein Prophet.
Und er war „dicht dran“ an Gott.  Wie es in der Bibel heißt „Er wuchs beim Herrn heran.“ – sicher zum einen im allerwörtlichsten Sinne, da er im Tempel aufwuchs. Zum anderen aber lebte er ganz gemĂ€ĂŸ Gottes Weisungen und Geboten – ich wĂŒrde durchaus so weit gehen, zu sagen, dass man ihn als ein Kind Gottes bezeichnen könnte.
So lesen wir auch einige Verse spĂ€ter im Buch Samuel: „Samuel wuchs heran und der Herr war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten unerfĂŒllt. Ganz Israel erkannte, dass Samuel als Prophet des Herrn beglaubigt war.“ (1 Sam 3, 19f).
Wenn ich mit meinen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern ĂŒber Propheten rede, und was die so tun, dann erklĂ€re ich immer, dass  Propheten keine Hellseher sind die „auf magische Weise die Zukunft voraussagen“, sondern dass Propheten vielmehr die Zeichen der Zeit klar erkennen, und sie betrachten und deuten im Sinne Gottes. Von Gott und in seinem Namen sind sie berufen und inspiriert. Dementsprechend reden sie dann zu ihrem jeweiligen Volk – belehrend, ermahnend, aufrĂŒttelnd. Manche bezeichnen die Propheten deswegen auch als „GotteskĂŒnder“ oder als „Mahner Gottes“.
Prophet zu sein war kein leichter Beruf oder vielmehr keine leicht Berufung. Gegen den Trend der Zeit, gegen das Denken und Handeln der MĂ€chtigen mussten die Propheten auftreten und Gottes Worte und Weisungen verkĂŒnden -  und dabei ihren Finger auf Fehler und Schwachpunkte legen – wahrlich keine angenehme Aufgabe.  Manche, die von Gott berufen wurden, wollten diese Berufung zunĂ€chst gar nicht annehmen – wie zum Beispiel der Prophet Jona, dessen Flucht ĂŒbers Meer, gefolgt von der Episode mit dem großen Fisch wohl allen von Ihnen bekannt ist.
Jona war also einer, der vor dem Ruf, der Berufung durch Gott flĂŒchtete - denn fĂŒr ihre deutlichen Worte wurden die Propheten – oder Menschen mit einer prophetischen Gabe –oft verlacht und verspottet; schlimmstenfalls sogar bestraft und landeten im GefĂ€ngnis.
Denken wir nur an den Propheten aus dem heutigen Evangeliums, Johannes der TĂ€ufer, den seine klaren Worte an den König Herodes bezĂŒglich seiner Ehe mit der Frau seines Bruders zunĂ€chst ins GefĂ€ngnis beförderten und ihm letztendlich den Tod brachte.
Unsere heutigen Schrifttexte haben gezeigt: Sowohl im Alten oder Ersten Testament als auch im Neuen oder Zweiten finden wir Menschen, die als Propheten auftreten und dem Volk Gottes den Weg weisen. Wobei durchaus auch gewarnt wird: „HĂŒtet euch vor falschen Propheten“ – so lesen wir bei MatthĂ€us. Offensichtlich gab es durchaus Menschen, die entsprechend auftraten und behaupteten, im Namen Gottes zu sprechen. Schon der Prophet Jeremia klagt ĂŒber diejenigen, die ihre eigenen Gedanken als Gottes Wort verkĂŒnden und fĂŒr ihre Prophezeiungen Geld nehmen – ein PhĂ€nomen, das uns auch heutzutage noch begegnet.
Alle drei großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – kennen in ihren Schriften Propheten als GotteskĂŒnder und Mahner Gottes.
Und wie ist es bei uns, heute?
Gibt es heute noch Propheten?
Da ich gerne mit dem Computer und dem Internet arbeite, habe ich einmal bei einer allseits bekannten Suchmaschine die Stichworte „moderne Propheten“ eingegeben.
Ich könnte Sie jetzt raten lassen – was denken Sie, waren die ersten konkreten Namen, die genannt wurden?
Es waren zum einen Martin Luther King, zum anderen Papst Franziskus.
Wenn ich Propheten als VerkĂŒnder und Mahner Gottes verstehe, die kritisch beobachten und auf die MissstĂ€nde unserer Zeit und Welt aufmerksam machen, dann kann ich bei beiden uneingeschrĂ€nkt zustimmen.
Aber es sind auch große Fußstapfen, die diese beiden hinterlassen haben und hinterlassen – und bei anderen, die mir hier noch einfallen wĂŒrden, zum Beispiel dem Dalai Lama oder auch Mutter Teresa, ist das nicht anders - große Persönlichkeiten.
Da können wir nicht ohne weiteres mithalten, möchte ich einfach mal behaupten. Dennoch – oder gerade deshalb - möchte ich Sie einladen, sich einmal wieder – in dem Bewusstsein, dass wir alle Kinder Gottes sind – Zeit zu nehmen um ĂŒber Gottes Ruf an Sie nachzudenken, denn – so hat es Peter Janssens in dem Musikspiel „Elisabeth von ThĂŒringen“ 1984 formuliert: 
Propheten sind wir alle, auch du und ich.
Wenn wir mit wachen Sinnen durch die Straßen gehn,
wenn wir mit vielen HĂ€nden am selben Strick ziehn.
Wenn wir mit lauten Stimmen alle Satten störn,
wenn wir mit offnen Ohren Gottes Worte hörn.
Wenn wir mit flinken Fingern an der Armut drehn,
wenn wir mit andren Augen Gottes Schöpfung sehn.
Wenn wir mit starken KrÀften FriedenshÀuser baun,
wenn wir mit frohen Herzen in die Zukunft schaun.
Wenn wir mit kleinen TrÀumen Hoffnungskörner sÀn,
wenn wir mit beiden Beinen auf dem Boden stehn.
Propheten sind wir alle, auch du und ich.
Amen.

© B. Vallendor, 2014

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.