Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

PfarrbĂĽro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
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1. Advent

Lesung: Jes 7, 10 – 14

Der Herr sprach noch einmal zu Ahas; er sagte:
Erbitte dir vom Herrn, deinem Gott, ein Zeichen, sei es von unten, aus der Unterwelt, oder von oben, aus der Höhe.
Ahas antwortete: Ich will um nichts bitten und den Herrn nicht auf die Probe stellen.
Da sagte Jesaja: Hört her, ihr vom Haus David! Genügt es euch nicht, Menschen zu belästigen? Müsst ihr auch noch meinen Gott belästigen?
Darum wird euch der Herr von sich aus ein Zeichen geben: Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.

 

Evangelium: Mk 1, 9 – 15

In jenen Tagen kam Jesus aus Nazareth in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.
Und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel sich öffnete und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.
Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.
Danach trieb der Geist Jesus in die WĂĽste.
Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung gefĂĽhrt. 
Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.
Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

 

Predigt

Götterkinder – Kinder Gottes - so lautet das Thema unserer Predigtreihe in diesem Advent. Vielleicht sind Sie schon alle sehr gespannt, was da auf Sie zukommt. Und ich denke auch, dass es sich lohnt, dass wir uns als Christen darauf besinnen, mit welchen Bildern wir selbstverständlich umgehen, ohne die genauen Hintergründe zu kennen.

=> Wie selbstverständlich kommt uns das Wort vom menschgewordenen Sohn Gottes über die Lippen. Wie viele Vorstellungen und Bilder gibt es dazu.

Wir haben uns im Pastoralteam verständigt und uns auf dieses Wagnis eingelassen, dass wir Ihnen einen Blick zumuten in die mythologische Vergangenheit der Bilder unseres Glaubens.

=> Ich werde Sie heute mitnehmen in die Bilderwelt des alten Ă„gypten. Zum Teil werden wir aber auch steinzeitliche Mythen streifen.

=> Ich lade Sie ein, heute diesen Gang durch die Mythologien mit zu gehen, damit Sie verstehen, was es bedeutet, dass wir im Zentrum unseres Glaubens den menschgewordenen Sohn Gottes, Jesus, den Christus glauben.

=> Vielleicht helfen Ihnen auch unsere Gedanken in dieser Predigtreihe, einen neuen Zugang zum Geheimnis von Weihnachten zu bekommen. Dann hätten wir unser Ziel erreicht.

 

Götterkinder – Kinder Gottes

=> Die Bibel ist kein Buch, das jemand in einem abgeschlossenen Raum geschrieben hat. Die Bibel entsteht in einem Kulturraum, in dem die Menschen ganz selbstverständlich mit Götterkindern konfrontiert sind. Dieses Gedankengut findet sich auch in der Bibel wieder.

=> Die Jesajastelle, die Ihnen als Lesungstext vorgelesen worden ist, führt ja dieses Motiv ein, dass da eine junge Frau einen Sohn empfangen wird, dem sie den Namen Immanuel – Gott mit uns - geben wird.

Dieses Kind ist das Zeichen Gottes, dass er seinem Volk, bzw. allen Menschen, treu ist. Mit diesem Kind wird eine neue Zeit fĂĽr alle Menschen anbrechen.

=> Das Bild von einem Kind ruft bei Menschen sofort die Assoziation „Anfang“, „Neubeginn“, „Erneuerung“ hervor.

=> Zwei Kapitel später kommt das berühmte Messiaslied:

„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten. Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen.“ (Jes 9, 5-6.)

=> Dieses Lied kennen Sie  aus der Weihnachtsliturgie. Die christliche Theologie hat schon sehr frĂĽh beide Texte auf Jesus hin gedeutet.

=> In diesem Lied, das ich Ihnen gerade vorgelesen habe, geht es aber nicht um die Kindlichkeit eines Neugeborenen, sondern um die Macht eines Königs.

=> Hier hören wir hinein in die Königstheologie des Volkes Israel, das sich über diesen gerechten König freut. Mit der Thronbesteigung bekommt der neue König ganz selbstverständlich den Titel eines „Sohnes Gottes“, weil er im Auftrag und im Namen seines göttlichen Vaters das Amt des Königs übernommen hat. Seine Macht hat er ausschließlich von Gott. Er wird das Volk nach den Geboten Gottes regieren in Recht und Gerechtigkeit. So ein König ist der Messias, der Gesalbte Gottes.

 

Götterkinder – Kinder Gottes

=> Kehren wir noch einmal zurĂĽck zur Kultur, in der die Menschen leben, die die Texte der Bibel verfassen.

=> In allen Kulturen in unserer Welt gibt es diese Idee, dass mit Kindern etwas Neues in die Welt kommt. Kinder sind sogar der Inbegriff fĂĽr einen Neuanfang.

=> Und in der Situation der Menschen, die sich als endliche Wesen in einer Welt vorfinden, in der es täglich um Leben und Tod geht, da stellen sich die Menschen seit jeher die Frage:  woher kommen wir?  - wohin gehen wir?

=> In allen Kulturen und Religionen wird versucht, auf diese Frage eine Antwort zu geben.

=> Sogar in steinzeitlichen Mythen, die bis zum heutigen Tag mündlich überliefert werden, taucht zum ersten Mal die Idee auf, dass die Schamanen, die Hüter dieses Mythenschatzes, eine Verkörperung eines nicht menschlich gezeugten Wesens sind. Schamanen sind die ersten menschlichen Wesen, die - in der Mythologie - als junge Menschen - nach einem großen Leid - sterben, dann durch Geister wieder zurückgeführt und durch eine Jungfrau neu geboren werden.

=> In der ägyptischen Mythologie wird jeden Morgen der Sonnengott Re neu geboren, er altert im Laufe des Tages und stirb mit dem Untergehen der Sonne, um dann am nächsten Morgen wieder neu geboren zu werden.

=> Im Tempel von Abu Simbel in Ägypten am Assuamstausee steht übergroß die Statue des Pharao Ramses II. . Neben ihm sitzt die Statue seines Vaters, Re-Harachte und auf der anderen Seite Amun Re, der Sonnengott, die höchste Gottheit in Ägypten.

=> Ramses II. versucht im 13. Jhrd. V. Chr. seine Herrschaft in Oberägypten auf diese Art zu festigen, dass er sich in einer Reihe mit den höchsten Göttern darstellen lässt, um seinen Machtanspruch über das ganze Ägypten zu behaupten.

=> Bei allen diesen „Götterkindern“ geht es um den Machterhalt mit der höchsten Autorität im Hintergrund: die wichtigsten Götter oder Geister.

=> AuĂźerdem geht es um eine dauernde Wiederkehr. Die Zeit wird verstanden als dauernde Wiederkehr dessen was schon einmal da war.  – Denken Sie an die tägliche Wiedergeburt des Sonnengottes Re.

=> Alle diese Mythen versuchen den Menschen ihrer Zeit eine Antwort zu geben auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, woher – wohin...

=> Heute leben wir in einer Zeit, in der sich die Menschen immer noch fragen:  was soll denn dieses Leben, eingeklemmt zwischen Geburt und Tod, fĂĽr einen Sinn haben?

=> Auch wir im Christentum versuchen auf diese Frage eine Antwort zu geben.

=> Schon sehr frĂĽh wird in der Bibel versucht, aus diesem dauernden Wiederkehrkreislauf der Geschichte auszusteigen.

=> Abraham macht sich mit seinem Gott YAHWE auf den Weg. Er bricht auf ins Ungewisse. Nichts bleibt fĂĽr ihn wie er es gekannt hat, aber die VerheiĂźung an ihn wird erfĂĽllt.

=> Mose führt später das Volk aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit, weil Gott auch da seiner Verheißung treu bleibt – ein absoluter Neuanfang!

=> David regiert als König, als der Messias, der Gesalbte Gottes. Er ist König über das größte Reich, das die Israeliten jemals hatten. Er gilt als der Heilsbringer, weil er fast 40 Jahre lang dafür gesorgt hat, dass das Volk in Sicherheit leben konnte. Das ist die Spanne einer ganzen Generation. Deswegen ist David für die Israeliten so wichtig.

=> Und diesem König David wird verheißen, dass seine Königsherrschaft weiter gehen wird mit einem neuen Messias. Und diese Herrschaft wird dann kein Ende mehr haben.

=> Und jetzt sind wir bei Jesus angelangt, den wir Christen als den Messias Gottes glauben.

=> In ihm ist die Verheißung Gottes an die Menschen zur Erfüllung gelangt – so glauben wir.

=> Jesus ist in der Darstellung der Evangelisten nicht der Messias, der erst auf dem Königsthron den „Sohn Gottes“ Titel bekommt. Jesus wird ja bekanntlich nicht König.

=> Aber unser Evangelist Markus beschreibt bei der Taufe im Jordan, dass da Jesus als der Sohn von Gott bezeugt wird. Das war heute im Evangelium zu hören.

=> Die anderen beiden Evangelisten, Lukas und Matthäus, verwenden das Motiv von der Geburt aus Maria, der jungen Frau, die selber vom Wunder der Zeugung überrascht wird, aber aus freien Stücken ja sagt zum Handeln Gottes. So beginnt die Geschichte des Messias im ganz Kleinen.

=> Mit dieser Geburt dieses Messias beginnt eine neue Zeit. Wie Jesus dann lebt und was er verkündet berührt die Herzen der Menschen. Sie glauben ihm und vertrauen ihm. Er hat den Blick für die „kleinen“ Menschen.

=> Allerdings wird er mit seiner gewaltlosen Botschaft zur Gefahr für die Herrschenden. Deswegen ist seine Hinrichtung die Konsequenz seiner Botschaft, aber selbst in diesem Tod geschieht etwas revolutionär Neues: im Tod Jesu ist Gott!

=> Jesus stirbt nicht in einen ewigen Kreislauf hinein, sondern in die Hand Gottes.

=> Mit dieser Botschaft, dass im Tod Gott ist, ist das Christentum gewachsen, weil die Menschen einen Ort des Trostes ahnen und eine Hoffnung haben ĂĽber den Tod hinaus, denn Gott ist ein Gott der Lebenden.

=> Gleichzeitig mit dieser Erkenntnis braucht es keine Opfer mehr. Opfer waren ja in der Vergangenheit immer der Versuch, die Gottheit zu beschwichtigen, milde zu stimmen oder einen Handel anzubieten. – Ich opfere einen Stier und will dafür …

=> Das gibt es nicht mehr.

=> Das Leben will in seiner ganzen FĂĽlle gelebt werden. Der Sinn des Lebens ist das Leben!

=> Und dieses Leben in seiner ganzen Fülle ist die Botschaft Jesu, der allen Menschen diesen Neuanfang anbietet mit der höchsten Autorität, denn hinter Jesus steht Gott:

=> Die Zeit ist erfĂĽllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

Ich wĂĽnsche Ihnen allen einen nachdenklichen Advent und die Freude eines Lebens in FĂĽlle.

Amen.

© R. Hübschle 2014

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.