Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

PfarrbĂĽro der Seelsorgeeinheit
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2. Advent: Die Welt der ShowbĂĽhne und der Stars

Lesung: Baruch 5, 1-9

Leg ab, Jerusalem, das Kleid deiner Trauer und deines Elends und bekleide dich mit dem Schmuck der Herrlichkeit, die Gott dir fĂĽr immer verleiht.
Leg den Mantel der göttlichen Gerechtigkeit an; setz dir die Krone der Herrlichkeit des Ewigen aufs Haupt!
Denn Gott will deinen Glanz dem ganzen Erdkreis unter dem Himmel zeigen.
Gott gibt dir fĂĽr immer den Namen: Friede der Gerechtigkeit und Herrlichkeit der Gottesfurcht.

Steh auf, Jerusalem, und steig auf die Höhe! Schau nach Osten und sieh deine Kinder: Vom Untergang der Sonne bis zum Aufgang hat das Wort des Heiligen sie gesammelt. Sie freuen sich, dass Gott an sie gedacht hat.
Denn zu Fuß zogen sie fort von dir, weggetrieben von Feinden; Gott aber bringt sie heim zu dir, ehrenvoll getragen wie in einer königlichen Sänfte
Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, sodass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann.
Wälder und duftende Bäume aller Art spenden Israel Schatten auf Gottes Geheiß.
Denn Gott fĂĽhrt Israel heim in Freude, im Licht seiner Herrlichkeit; Erbarmen und Gerechtigkeit kommen von ihm.

 

Evangelium: Lukas 6, 27-36

Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen.
Segnet die, die euch verfluchen; betet fĂĽr die, die euch misshandeln.
Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.
Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurĂĽck.
Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.

Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafĂĽr? Auch die SĂĽnder lieben die, von denen sie geliebt werden.
Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafĂĽr? Das tun auch die SĂĽnder.
Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurĂĽckzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafĂĽr? Auch die SĂĽnder leihen SĂĽndern in der Hoffnung, alles zurĂĽckzubekommen.
Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.
Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!

 

Predigt:

Liebe Gemeinde,

kennen Sie das Jugendwort des Jahres 2012?

Eine Jury des Langenscheidt-Verlages hat es ausgewählt, und wenn der Artikel in der „Schwäbischen Zeitung“ vom 26. November diesen Jahres stimmt, dann heißt es „Yolo“.

Ein Kurzwort ist das, und es setzt sich aus 4 englischen Wörtern zusammen:
                            „You only live once!“

oder auf Deutsch: „Du lebst nur einmal!“

Ganz offensichtlich wird „Yolo“ von den jungen Leuten vor allem im Internet verwendet, und es ist:

„…eine Aufforderung, alle Chancen auf Erlebnisse zu nutzen“ –

so heißt es wörtlich in diesem Zeitungsbericht.

„Yolo“ – „You only live once!” –

mit diesem Spruch bestätigen sich demnach Jugendliche in unserer Zeit gegenseitig darin, wie wichtig es doch für ihr Leben ist, dass sie keine Party, kein cooles Event auslassen und möglichst viel Spaß im Leben haben:

Auf jedem Festival sein, so oft wie möglich in Bars und Kneipen hocken und in den Discos im Licht der Scheinwerfer bis in den Morgen hinein feiern!

„Yolo“ – macht das glücklich?

Und dann gibt es ganz offensichtlich auch junge Leute, die träumen davon, selber einmal auf den Brettern zu stehen, die die Welt bedeuten:

Selber ĂĽber einen ausgerollten roten Teppich gehen und selber auf der ShowbĂĽhne Erfolg haben.

„Du lebst nur einmal!“ – also:

Erster  Platz beim Casting, Model-Vertrag, Welt-Karriere –

und: Viel Geld!

Und wenn Sie, liebe Gemeindemitglieder, jetzt denken, dass es solche Sehn-Süchte nur bei den jungen Leuten in der Großstadt gibt, dann täuschen Sie sich:

Erst Anfang Dezember – auch das weiß die „Schwäbische Zeitung“ – war Casting in Baienfurt:

Mit 6-köpfiger – teilweise prominenter Jury – und mit dem von den Veranstaltern so beschriebenen Ziel:

„Wir suchen Rohdiamanten, die wir schleifen können.“

(SZ 3.12.2012)

FĂĽr die 22 jungen Frauen ist es wohl verlockend gewesen, sich schleifen zu lassen: FĂĽr den Laufsteg, fĂĽr die Karriere!

Und meistens müssen sich diese jungen „Rohdiamanten“ dann auch noch dumme Witze gefallen lassen und dumme Bemerkungen der Jury anhören – und das vermutlich nicht nur bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany`s Next Top Model“!

„Yolo“ – also nütze jede Chance auf Erlebnisse!“ –

dieser Jugendspruch des Jahres 2012 scheint aber nicht nur fĂĽr junge Leute zu gelten, sondern auch fĂĽr Menschen im reiferen Alter:

„Premiere für Miss 50plus“ –

zum ersten Mal – so hat zumindest unsere Heimatzeitung vor 2 Wochen berichtet – ist die schönste Frau Deutschlands über 50 ausgezeichnet worden: mit Goldkrönchen!

„Der Gewinn ist für mich wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag an 1 Tag“

– so wird die 53-jährige Siegerin zitiert.

Ich frage mich: Warum tut sich eine Frau an diesem Alter so etwas an? Karriere? Geld? Oder ist es eher die Sehn-Sucht, endlich einmal gesehen zu werden, oder in den Augen der Welt auch in ihrem Alter noch attraktiv zu sein?

Unsere Zeitung schreibt:

„Sie kann ihr Glück nicht fassen.“ –

Ist das wirklich GlĂĽck? Lebens-GlĂĽck?  

Andre Gide, französischer Schriftsteller, 1951 gestorben und Literaturnobelpreisträger hat eine ganz andere Vorstellung vom Glück.

Er sagt:

„Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz sondern im Geben. Wer andere glücklich macht, wird glücklich.“

 

So denkt einer, der selber Karriere gemacht hat und im Rampenlicht gestanden ist – als Schriftsteller allerdings!

So denkt einer, der selber aus wohlhabender Familie stammt, der viel herumgereist ist in der Welt und der nie in seinem Leben Geldprobleme gehabt hat.

„Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz!“ –

wenn dieser nachdenkenswerte Satz von Andre Gide auf einen Menschen  ganz besonders  zutrifft, dann ist das: Michael Jackson!

Der „King of Pop“ hat wohl mit Abstand das meiste Geld auf den Showbühnen dieser Welt verdient:

Mit weltweit mehr als 750 Mio verkaufter Tonträger gilt er – laut „Guiness-Buch der Rekorde“ - als erfolgreichster Sänger und Komponist aller Zeiten.

Mit der Firma „Sony Music“ hat der Weltstar den wohl höchstdotierten Plattenvertrag in der Welt der Stars abgeschlossen, den es jemals gegeben hat: 890 Mio Dollar für 6 Alben, Filme und Auftritte!

Angeblich hat Michael Jackson ein Vermögen in Milliardenhöhe hinterlassen – und gleichzeitig Schulden von über 400 Mio US-Dollar!

Ist das GlĂĽck? Lebens-GlĂĽck?

Ich habe das Gefühl, dass Michael Jackson ein genialer Künstler war und gleichzeitig ein einsamer Mann – auf der Suche nach sich selber und getrieben von der Sehn-Sucht, geliebt und wirklich glücklich zu sein.

Kein Mensch kann den „Moonwalk so tanzen wie er. Und Musik und Text von „We are the world“ oder „Heal the world“ sind genial – Welt-Erfolge!

Gleichzeitig ist der Geniale wohl aber auch der Einsame gewesen:

2 gescheiterte Ehen und 2 Kinder, ein uneheliches Kind, mehrere kosmetische Operationen im Gesicht, ab 1993: abhängig von Schmerzmitteln – Entzug erfolglos!

Die Anschuldigungen wegen angeblichem Kindesmissbrauch haben ihn viel Geld und wahrscheinlich auch viel LebensglĂĽck gekostet.

2009 stirbt der Welt-Star an einer akuten Vergiftung durch ein Narkosemittel.

Die Sehn-Sucht nach Glück hat ihn zum Süchtigen gemacht –

und das, obwohl er im Leben all das besessen hat, wovon die Casting-Mädels nur träumen!!!

„Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, sondern im Geben!“

Dieser weise Satz von Andre Gide gilt nicht nur für Stars wie Michael Jackson, er könnte auch als Überschrift über unserem heutigen Evangelium stehen.

In der Welt des Lukas regiert dieses Geben und die Liebe.

„Gib jedem, der dich bittet…“

Und: „….dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.“

(Lk 6, 29b-30)

Lukas schildert uns Christinnen und Christen die Vision Jesu, wie das Zusammenleben von uns Menschen auf dieser Welt glücken könnte.

Und gleichzeitig malt er uns ein Bild, wie die Welt unseres Gottes mitten in unserer Welt aufstrahlt.

Gott wird demnach

ĂĽberall dort spĂĽrbar, wo wir Menschen auch dann noch geben, wenn uns alles genommen wird,

ĂĽberall dort, wo wir  Wärme verschenken, obwohl uns die Kälte und der Hass entgegenschlägt,

überall dort, wo wir den Mantel der Geborgenheit und der Liebe um diejenigen Frauen und Männer legen, die schlecht über uns reden und uns ganz bewusst schaden.

Diese Vision Jesu von der Liebe zu den Hinterhältigen, zu den Scheinheiligen und den Feinden - wie Lukas sie nennt -  klingt zunächst wie eine Zumutung, wie eine Ăśberforderung.

Wenn Jesus uns seine Welt des grenzenlosen Liebens und Gebens eröffnet, dann will er uns Christinnen und Christen auf die Idee bringen, dass wir die GefĂĽhle in unserem Herzen und die  Haltungen anderen Menschen gegenĂĽber verändern.

Rache oder Nicht-Verzeihen-Wollen  â€“ das kommt in der Gedanken- und GefĂĽhlswelt Jesu einfach nicht vor. Die Spirale der Gewalt mit Liebe durchbrechen  - das  ist seine Welt.

Immer dann aber, wenn uns Christinnen und Christen das selber gelingt, dann strahlt die Liebe unseres Gottes hinein in unsere irdische Welt:

Wenn wir einfühlsam sind, wenn wir versuchen, uns in die Menschen in unserer Nähe hineinzudenken und erspüren, wie es ihnen geht und wie sie sich fühlen. Empathie ist das und Intuition!

Und dieses liebevolle HineinfĂĽhlen ist keine Ăśberforderung fĂĽr uns Menschen. Sie alle tun das vermutlich jeden Tag.

Es ist auch nicht etwas, was wir mĂĽhsam erlernen mĂĽssten.

Und: Es ist erst recht kein veraltetes Denken aus der längst vergangenen Welt des Jesus aus Nazareth!

ErspĂĽren, wie es den Menschen in Ihrer Nähe geht  â€“ das können Sie alle! Und zwar von Geburt an.

Sie alle haben nämlich als gesunde Menschen sogenannte Spiegelneurone.

Das sind Nervenzellen im Gehirn, die nicht nur dann aktiv sind, wenn wir Menschen selber GefĂĽhle wie Freude oder Trauer empfinden, sondern auch dann, wenn wir diese GefĂĽhle bei anderen Menschen sehen und erleben.

Neurowissenschaftler wie Giacomo Rizzolatti oder Christian Keysers haben diese Nervenzellen – die Spiegelneurone – in unserem Gehirn erforscht.

Und sie haben herausgefunden, dass wir alle uns von den momentanen GefĂĽhlen anderer Menschen anstecken lassen.

Ganz konkret: Wenn wir sehen, dass jemand in unserer Nähe weint, dann reagieren diese Nervenzellen – so, wie sie auch reagieren, wenn wir selber traurig sind.

Die Spiegelneurone ermöglichen es uns Menschen, dass wir mitfühlende, empathische Wesen sind – und zwar nicht, weil es uns jemand beigebracht hätte oder weil es jemand von uns verlangt, sondern weil wir Menschen so sind! Die Forschungen in der Neurowissenschaft zeigen:

Wir Menschen sind  soziale Wesen mit der angeborenen Fähigkeit, Freude und Leid in anderen Menschen zu erspĂĽren und mit ihnen zu teilen.

Und das ist Lebens-GlĂĽck! FĂĽr uns selber und fĂĽr andere! Und ganz im Sinne Jesu!

Liebe Gemeinde,

„Yolo“  - wir alle leben nur einmal! –

in diesem Jugendspruch steckt viel Wahrheit, wenn er nicht oberflächlich verstanden, sondern tiefgründig gedeutet wird:

Unsere Lebenszeit ist tatsächlich viel zu kostbar und viel zu wertvoll, als dass wir sie mit unwürdigen Casting-Beurteilungen oder durchzechten Disco-Nächten vergeuden!

Bei unserem Gott sind wir ĂĽbrigens sowieso alle wertgeschätzt und  Stars mit MenschenwĂĽrde – auch ohne Goldkrönchen.

Und unser Glück hängt wirklich nicht am Besitz, sondern am mitfühlenden und liebevollen Zugehen auf andere Menschen.

Vielleicht hat das ja auch Michael Jackson geahnt, wenn er in seinem welt-berühmten „We are the world“ singt:

„Wir alle sind ein Teil von Gottes großer Familie und die Wahrheit ist:

Liebe ist das einzige, was zählt!“

Amen.

© A. Böhm, 2012

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.