Katholische Seelsorgeeinheit Ravensburg West

Pfarrb√ľro der Seelsorgeeinheit
Ravensburg West
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1. Advent

Lesung: Jer 33, 14-17

Siehe, Tage kommen - Spruch des HERRN - , da erf√ľlle ich das Heilswort, das ich √ľber das Haus Israel und √ľber das Haus Juda gesprochen habe.
In jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich f√ľr David einen gerechten Spross aufsprie√üen lassen. Er wird Recht und Gerechtigkeit wirken im Land.
In jenen Tagen wird Juda gerettet werden, Jerusalem kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der HERR ist unsere Gerechtigkeit.
Denn so spricht der HERR: Nie soll es David an einem Nachkommen fehlen, der auf dem Thron des Hauses Israel sitzt.

 

Evangelium: Lk 21, 25-28.34-36

Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und auf der Erde werden die V√∂lker best√ľrzt und ratlos sein √ľber das Toben und Donnern des Meeres.
Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die √ľber den Erdkreis kommen; denn die Kr√§fte des Himmels werden ersch√ľttert werden.
Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit.
Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.
Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht pl√∂tzlich √ľberrascht wie eine Falle; denn er wird √ľber alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.
Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt!

 

Predigt

Wir bieten Ihnen an, dieses Jahr im Advent, verschiedenen Welten zu begegnen.

=> Wir sind im gemeinsamen Liturgieausschuss unserer Seelsorgeeinheit auf diese Spur gekommen, weil wir festgestellt haben, dass die Welt der Religion(en) und die Welt der meisten Menschen weit von einander entfernt sind. Hier in unseren Adventsgottesdiensten werden die verschiedenen Predigerinnen und Prediger versuchen, diese Welten zu benennen und dann auf diesem Hintergrund die Botschaft von der Menschwerdung unseres Gottes neu buchstabieren.

=> Wir befinden uns da in einer spannenden Auseinandersetzung, die mitten in unserer Zeit stattfindet und die wir hier mit Ihnen gemeinsam aufleuchten lassen wollen.

=> Vielleicht vermögen unsere Impulse an den nächsten vier Adventssonntagen und selbstverständlich auch an Weihnachten Ihnen neue Zugangswege zu eröffnen zu unserem Glauben in der modernen Zeit.

 

=> Heute darf ich Sie einen kleinen Blick tun lassen in die Welt der Religionen.

Die Symbole auf unserer ersten Adventskerze stehen f√ľr ausgew√§hlte vier gro√üe Religionen:

=> Das Yin und Yang steht f√ľr die chinesische Religion, die stark gepr√§gt ist von dem weisen Denker Konfuzius. Konfuzius hat im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt.

=> Mit ihm beginnt der Abschied von der magischen Religion hin zu einer Religion, die von vern√ľnftigem Denken gepr√§gt ist. Im Mittelpunkt aller seiner √úberlegungen steht der Mensch und seine F√§higkeit zu ethischen Entscheidungen. Es wird kein personaler Gott geglaubt, sondern alle Menschen sind eins im Ganzen.

=> Das Symbol des siebenarmigen Leuchters, die Menorah, steht f√ľr das Volk Israel, das seine Geschichte mit seinem Gott aufschreibt in der Bibel. => Die vielen Verfasser der verschiedenen B√ľcher der Bibel  schauen in dieser Entstehungszeit von nahezu tausend Jahren auf JAHWE und sein Volk.

=> Damit versuchen sie, den Glauben an die vielen G√∂tter der Kulturen um das Volk Israel herum, auf den einen Gott hin zu zentrieren. Der Glaube an den einen Gott, Sch√∂pfer des Universums, entwickelt sich in einem langen Prozess, der immer wieder R√ľckf√§lle erlebt.

=> Das Kreuz steht f√ľr das Christentum. Im Christentum wird die Beziehung dieses einen Gottes zu den Menschen ganz neu definiert. Mit der Abl√∂sung vom Judentum entsteht diese gro√üe Religion, der neue Weg.

=> Dem Christentum wird vorgeworfen, dass es den Glauben an den einen Gott aufgegeben habe zugunsten eines Glaubens an drei G√∂tter: Vater ‚Äď Sohn ‚Äď Geist.

=> Der Halbmond steht f√ľr den Islam. Zentrale Gestalt im Islam ist der Prophet Mohammed, der die radikale R√ľckkehr zum Ein-Gott-Glauben lehrt. Mohammed lebt im 6. und 7. Jahrhundert nach Christus.

=> Er richtet sich vor allem gegen die vielen Götterkulte in Mekka und Medina. Gegen das Christentum lehrt er, dass Gott, aufgrund seiner unnahbaren Göttlichkeit, keinen Sohn haben kann.

 

‚ÄěWelten begegnen‚Äú

=> Advent ist so eine Zeit, in der sich in unserem Alltagsleben v√∂llig verschiedene Welten begegnen, z.B. in r√ľhrseligen Adventsgeschichten. Da geht‚Äôs um Schnee, um K√§lte um arme Menschen, um Tiere und Kinder, und der Weihnachtsmann ist der gute Onkel, der Geschenke bringt...

=> Weihnachtsm√§rkte √∂ffnen ihre Buden, Weihnachtsmusik all √ľberall, Kitsch, Tannengeruch, Gl√ľhwein, Lebkuchen, gebrannte Mandeln ‚Ķ

=> Dem entgegen steht die knallharte Wirklichkeit, in der die meisten Menschen leben und √ľberleben m√ľssen.

=> Ich denke da vor allem an die vielen Frauen und M√§nner, die in diesem Jahr ihre K√ľndigung erhalten haben, sei‚Äôs bei Quelle oder Stora Enso oder wo auch immer.

=> Da geht der Blick in eine ungewisse Zukunft. Sorgen belasten, Familien zerbrechen, geliebte Menschen sind gestorben, das Geld reicht hinten und vorne nicht …

Anspr√ľche sind da, Verbindlichkeiten wollen bedient werden usw.

=> Lebenswirklichkeit auch jetzt im Advent, nein nicht nur im Advent, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, Jahr f√ľr Jahr.

=> Was ich Ihnen hier sage ist nichts Neues. Und wenn Sie die Lebenswirklichkeit der Menschen der fr√ľheren Jahrhunderte und Jahrtausende anschauen, dann war das Leben der Menschen auch in diesen Zeiten immer bedroht.

=> Die Frage hat sich da gestellt: wer oder was kann da helfen?

=> Haben Sie noch die Sätze aus dem Buch Jeremia im Ohr?

‚ÄěIn jenen Tagen und zu jener Zeit werde ich f√ľr David einen gerechten Spross aufsprie√üen lassen. Er wir f√ľr Recht und Gerechtigkeit sorgen im Land.‚Äú

=> Es kann nur noch einer helfen: Gott - durch einen Erlöser.

Das ist die Ausgangsposition f√ľr das Judentum.

=> Die Christen haben f√ľr sich entschieden, dass in Jesus von Nazareth der versprochene Messias gekommen ist, ja, der Messias ist Gott selbst, der Mensch geworden ist.

=> Die Muslime erwarten ihre Rettung aus der Misere von Gott allein. Diese Hilfe erbitten sich die gläubigen Muslime 5 mal am Tag in der ersten Sure des Koran, die sie immer beten zur Eröffnung ihres Gebets:

‚ÄěIm Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.
Lob sei Gott, dem Herrn der Welten,
dem Erbarmer, dem Barmherzigen,
der Verf√ľgungsgewalt besitzt √ľber den Tag des Gerichts!
Dir dienen wir, und dich bitten wir um Hilfe.
F√ľhre uns den geraden Weg,
den Weg derer, die du begnadet hast,
die nicht dem Zorn verfallen sind und nicht irregehen.

Mohammed ist nur der Prophet, das Sprachrohr Gottes.

 

=> Konfuzius lehrt die Menschen seiner Zeit:

‚ÄěEin Mensch ohne Menschlichkeit, was helfen dem die Riten? Ein Mensch ohne Menschlichkeit, was hilft dem die Musik? ... Wer gegen den Himmel s√ľndigt, hat niemand zu dem er beten kann. ‚Äú

(Konfuzius, Gespräche 3,3 und 3,13)

=> Die Religionen, die sich auf den einen Gott berufen, erwarten auch von ihm, dass er in der Not hilft, allerdings kann er das nur durch Menschen tun, die sich auch ihn einlassen.

=> Konfuzius geht nicht davon aus, dass die Hilfe von einem Gott kommt, sondern von den Menschen, die sich auf ihre Menschlichkeit besinnen.

=> Menschlichkeit, menschlich miteinander umgehen, das scheint die Basis zu sein, auf der sich die verschiedenen Welten der Religionen treffen.

=> Menschlichkeit beruht auf Gegenseitigkeit.

=> Und schon sind wir bei der sog. goldenen Regel, die es in allen vier Religionen gibt:

‚ÄěWas du nicht willst, dass man dir tu, das f√ľg auch keinem andern zu.‚Äú

=> Mit dieser Grundnorm echter Menschlichkeit lassen sich f√ľr alle Religionen g√ľltig Gut von B√∂se unterscheiden.

=> Damit sind wir im Herzen der Religionen. Es geht um gegl√ľcktes Leben der Menschen.

- So erfahren Menschen ihren eigenen Lebenssinn. 

- So finden sie ihren Ort in einer Gesellschaft.

- So wird diese Welt vor der gierigen Zerstörung bewahrt …

=> Das wäre der Idealfall.

=> Sie merken: Die grundlegenden Ideen der vier Religionen beziehen sich ganz offensichtlich auf den Nahbereich der Menschen. Da geht es noch relativ leicht, menschlich mit anderen umzugehen.

=> Schwieriger wird es, diese Ideen auf die vielen V√∂lker in unserer Welt angewandt werden sollen. 

=> Und noch schwieriger wird es, wenn sich einzelne Menschen oder Völker gar nicht in diese Ideenwelt einbeziehen lassen wollen, wenn ganz andere Ideen oberstes Prinzip werden.

=> Da gibt es die Wertewelten im Kommunismus, im Faschismus, in Monarchien, Stammeskulturen, Diktaturen, Demokratien, Wirtschaftsimperien und an Börsen.

=> Immer geht es um Ideenwelten, die manchmal von Religionen beeinflusst sind. Oft aber haben sie mit Religion √ľberhaupt nichts mehr zu tun.

=> Aber sie versprechen den Menschen oder eben nur einem Teil der Menschen, dass sie das Leben in F√ľlle haben werden.

=> Den Welten der Religionen begegnen ‚Äď ist unser Thema.

=> Die Menschen, die jeweils ihre Heimat haben in einer dieser Religionen, leben in ihrer Welt und ihrem Wertesystem.

=> Durch die Globalisierung und die Mobilit√§t der Menschen begegnen sich die verschiedenen Religionen √ľberall auf der Welt. Manchmal prallen die Ideen oder Symbole ganz unvermittelt aufeinander.

=> Dann ist es hilfreich, zu wissen, dass die gemeinsame Grundlage ist, sich in allen Lebenslagen um Menschlichkeit zu m√ľhen.

=> Die Menschen, M√§nner und Frauen, die das zu allen Zeiten in ihren jeweiligen Gesellschaften und Religionen gelehrt und verk√ľndet haben, nennen wir Propheten. Sie setzen sich ein f√ľr die Idee der Menschlichkeit ‚Äď manchmal bis zur Selbstaufgabe.

=> In Jeremia sind wir so einem Propheten des Judentums begegnet. Er musste Jerusalem den Untergang ank√ľndigen und gleichzeitig durfte er den Ungl√ľcklichen sagen, dass es einen Retter geben wird.

=> Konfuzius gilt als Weisheitslehrer, der es allerdings geschafft hat, die Wende herbei zu f√ľhren von einem magischen Verst√§ndnis von Religion zu einem Denken, das auf der Vernunft gr√ľndet.

=> In unserem Sinne ist er ein Prophet, weil er es verstanden hat, den Menschen ihren eigenen Wert und ihre W√ľrde zur√ľck zu geben.

=> Mohammed ist der Prophet des einzigen Gottes, der noch einmal den Versuch macht, den Monotheismus radikal in dieser Welt zu denken und Gott zu dem zu verhelfen, was ihm nach seiner Ansicht zusteht: Hingabe (= Islam) an Gott.

=> Wer sich aber Gott wirklich hingibt, kann mit den Menschen nicht unmenschlich umgehen.

=> Jesus aus Nazareth wird im Christentum bekannt als der Sohn des lebendigen Gottes. Obwohl Jesus prophetisch aufgetreten ist und prophetisch gelehrt hat, ist er f√ľr uns mehr als ein Prophet.

- Im Islam ist Jesus ein herausragender Prophet.

Im modernen Judentum ist Jesus ein Lehrer der Tora, der den V√∂lkern den Glauben an JHWE vermittelt hat. - 

F√ľr uns Christen steht Jesus, der Christus, der Gesalbte Gottes, im Zentrum unseres Glaubens.

Er verk√∂rpert den menschlichen Umgang mit Menschen aus allen Schichten, ob krank oder gesund. In ihm ist uns der unbegreifliche Gott auf ungeheuer menschliche Weise sehr nahe gekommen. Alle, die sich an Jesus orientieren, d√ľrfen sich Christen nennen.

=> Advent ‚Äď  Welten begegnen ‚Äď wir werden das tun, um unser Weihnachten vorzubereiten, damit Gott in uns zur Welt kommen kann.

=> Lukas, der christliche Evangelist, macht seinen verzweifelten Gemeindemitgliedern nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.Ch. Mut auch in der Zeit nach dieser Katastrophe nicht aufzugeben:

‚ÄěRichtet euch auf und erhebt eure H√§upter, denn eure Erl√∂sung ist nahe.‚Äú

=> Ich w√ľnsche Ihnen diese Haltung der erl√∂sten Menschen im Blick auf unsere unheile Welt.

Amen.

¬© R. H√ľbschle 2009

 

HIER finden Sie die Predigt im pdf-Format.