Die neugotische Marienkapelle der Liebfrauenkirche wurde im Jahr 2006/07renoviert und umgestaltet; diese Kapelle wurde ursprünglich im Rahmen der großen Renovierung und Veränderung der mittelalterlichen Kirche (in mehreren Etappen, etwa in der Zeit von 1890 bis 1907) erbaut und künstlerisch ausgestaltet.
Dieser liturgische Raum ist nun so umgestaltet, dass er für verschiedenste gottesdienstliche Feiern genutzt werden kann. So wird (z. B. auch durch eine variable Bestuhlung) die Voraussetzung geschaffen, dass vom Kleinkindergottesdienst, Kinderwortgottesdienst während der sonntäglichen Eucharistiefeier, Meditationsgottesdienst bis hin zur eucharistischen Anbetung, Eucharistiefeier, Rosenkranz, Tagzeitenliturgie u. a. alle gottesdienstlichen Feiern kleiner Gruppen in der Marienkapelle möglich sind.
Dazu wurde die Raumschale komplett trocken gereinigt und entsprechend der bisherigen Farbgebung gestrichen, die Flächen weiß, die tragenden Dienste sind sandsteinfarben gehalten.
Der neue Fußboden ist über jenem aus dem 19. Jahrhundert verlegt, so dass dieser (außer den Beschädigungen einer Umgestaltung in den 50er Jahren des 20. Jahrhundert) unbeschädigt erhalten bleibt.
Es wurde eine Warmwasserfußbodenheizung verlegt, die unabhängig von der Heizung der Kirche betrieben wird; der neue Fußboden ist aus einem grauen Sandstein, der sich farblich an die tragenden Dienste anlehnt.
Die bisher vorhandenen Altäre sind entfernt und eingelagert worden; jene Figuren, die über diesen Altären aufgehängt waren (beide wohl aus der Barockzeit), wurden abgenommen und werden an einem anderen Ort in der Kirche aufgestellt. Stattdessen werden ältere Figuren der heiligen Katharina und der heiligen Ursula eingefügt; diese fügen sich harmonisch in dem kleinen Raum ein und werden einen farblichen und geistlichen Akzent setzen.
Die Nische des heiligen Antonius ist zum Teil noch mit Original-Bemalung aus der Entstehungszeit (Abschluss ca. 1907) enthalten; hier wurde die enthaltene Substanz aufgefrischt und ein „Sichtfenster“ freigelegt, damit man die ursprüngliche farbliche Gestaltung dieses Raumes zu Beginn des 20. Jh. erahnen kann: Die ganze Kapelle war ursprünglich ein farbliches Kleinod mit einigen Anlehnungen an die farbliche Gestaltung byzantinischer Kirchen. In verschiedenen Renovationen wurde diese farbliche Ausgestaltung, die im Übrigen auch in der gesamten Kirche bei der Renovation ab etwa 1900 vorhanden war, teilweise entfernt bzw. weiß überstrichen.
Hier sind die Ausarbeitungen des Restaurators Herbert Eninger, Unterwaldhausen, hinterlegt, der seine Bilder freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.
Sichtfenster in der „Antonius-Nische“: Detail der Farbgebung von 1907
Für die liturgischen Gestaltungselemente wurden verschiedene Künstler gebeten, Entwürfe zu unterbreiten.
Die Entwürfe für die liturgische Ausgestaltung der Marienkapelle und die Ergebnisse des ausgeschriebenen Wettbewerbs können hier angesehen werden.
(Entwürfe mit Kommentar hinterlegen)
Wie geplant konnte die Fertigstellung der erneuerten Raumschale bis Ende 2006 erfolgen; die Fußbodenheizung wurde erfolgreich in Betrieb genommen. Binnen kurzer Zeit konnte eine angenehme Temperierung des Raumes hergestellt werden – im Vergleich zur großen Kirche sind die höhere Temperatur und die Wärme vom Boden her deutlich zu spüren. In das Rohrsystem wird Wasser mit einer Vorlauftemperatur von weniger als 30 °C eingeleitet.
In der öffentlichen Sitzung des Kirchengemeinderats am 26.02.07 hat der Künstler Joachim Maria Hoppe sein überarbeitetes Modell für die liturgische Ausgestaltung der Marienkapelle vorgestellt. In einer Sitzung des Ausschusses Kirchenrenovation wurden verschiedenste Alternativen zusammen mit dem Künstler und dem zuständigen Vertreter der Diözesanverwaltung erörtert. Insgesamt wurde dabei deutlich, dass es diverse Möglichkeiten gibt, die Gestaltung etwas einfacher und graziler vorzunehmen, um dem Charakter des Raumes und der Pieta zu entsprechen. Vorgestellt werden nun eine leicht geänderte Variante der Stele mit breiterem goldfarbenen Hintergrund, der die Pieta betont sowie 2 Alternativen der Altargestaltung. Der Altar ist bei beiden Versionen kleiner, die Altarmensa wirkt leichter und der Altaraufbau wird ebenfalls auf das gestalterische und statische Minimum reduziert, die Farbgebung des Holzes (Ulme) wird in einem leicht weißen Ton gehalten. Dadurch kommt das vorgesehene metallene Kreuz im Fußboden besser zur Geltung und der Gesamtentwurf passt sich in den Raum noch besser ein.
(Bilder des endgültigen Konzepts)
Mit großer Mehrheit hat der Kirchengemeinderat sich für die Version B entschieden. Die Ausführung der Arbeiten erfolgte bis September 2007.
Auch eine neue variable Bestuhlung des Raumes war zu finden. Etwa 20 verschiedene Stühle unterschiedlichster Art und Farbgebung wurden vom Ausschuss in der Kapelle bewertet und begutachtet. Nach mehreren Treffen fiel die Entscheidung für einen sehr grazilen Stuhl, der sich gut in die Raumgestalt einfügt. Trotz der feinen Verarbeitung handelt es sich um einen sehr kippsicheren und stabilen Stuhl. Das Material ist ein speziell verklebtes und stabiles Holz, als Sitzauflage wurde ein atmungsaktives Polster gewählt. Die Farbgebung lehnt sich an den Sandstein des Fußbodens und die Farbgebung der tragenden Dienste an. Gemäß den Vorgaben sind diese Stühle stapelbar und sehr leicht; dauerhaft in der Kapelle aufgestellt werden sollen etwa 15 bis 24 Stühle.
Zum Tag des offenen Denkmals (09.09.07) konnte die liturgische Ausstattung der Marienkapelle erstmals einer kleinen Öffentlichkeit vorgestellt werden. Bis auf die endgültige Beleuchtung und die Stele der Antonius-Figur (in der kleinen Nische) ist damit die Renovierung der Marienkapelle abgeschlossen; der neu gestaltete liturgische Raum kann nun von den Gruppierungen der Kirchengemeinde und allen, die einen Raum der Stille suchen, genutzt werden.
Entstanden ist ein Raum für das persönliche Gebet, in dem auch die Vielfalt der gottesdienstlichen Feiern unserer Kirche seinen Platz hat; die flexible Bestuhlung ermöglicht ganz unterschiedliche Formen der Gestaltung.
Sehr schön zu sehen ist das Kreuz unter bzw. vor dem Altar als Symbol für Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi – des Paschamysteriums; unter dem Altar steht dieses Kreuz insbesondere als Hinweis auf die Auferweckung Christi und das österliche Mahl der Liebe (Eucharistie), das hier gefeiert wird.
Gleichsam im Boden versunken korrespondiert dieses Kreuz mit dem Metallband, das zum Vesperbild (Maria mit dem vom Kreuz abgenommenen Jesus) hin wieder erscheint und diese Szene des Todes Jesu verbindet mit unserem Glauben an die Auferstehung und die Feier der Eucharistie am Altar.
Inmitten der Tafeln, auf denen die Toten der Gemeinde zweier Kriege genannt werden, steht dieses Vesperbild als Zeichen der Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende ist. Hier ist ein Raum der Stille und des Gedächtnisses an alle Verstorbenen, an die Ermordeten der kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Jahrhunderte, des Gedenkens an die unvorstellbaren Grausamkeiten, die Menschen angetan wurden und immer noch angetan werden.
In der Seitennische findet sich eine Figur des heiligen Antonius aus der Entstehungszeit der Marienkapelle.
Ein moderner Beleuchtungskörper zentral im Raum ermöglicht ganz individuelle Beleuchtungsszenarien in diesem kleinen litugischen Raum.
Die Marienkapelle ist ein Ort des Gedenkens im Angesicht der persönlichen Trauer über den Tod eines Menschen; hier hat die Erinnerung an diese Menschen ihren Platz. All dies eingedenk der Hoffnung auf den Tag des jüngsten Gerichts mit Blick auf das Licht der Herrlichkeit und die Gerechtigkeit Gottes.
Diese Marienkapelle ist der Ort für den Lobpreis des Magnifikat: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott meinen Retter“ und zugleich der Bitte des Salve Regina: „Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu, und nach diesem Elend zeige uns Jesus“.
Dr. Michael B. Merz, Ravensburg (Stand: 12.04.08)
Spendenkonto bei der Katholischen Gesamtkirchenpflege Ravensburg Stichwort „Renovation Liebfrauenkirche“ Konto 48 000 608 bei der Kreissparkasse Ravensburg (BLZ 650 501 10)
Die Ausarbeitungen des Restaurators Herbert Eninger, Unterwaldhausen, der seine Bilder freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.